Interview mit Prof. Philipp Bagus: “Der Staat ist das Problem, nicht die Lösung” – so geht es weiter mit dem argentinischen Wirtschaftswunder von Javier Milei!

David Ernsting, Chefredakteur Kapitalanlagen-Test.de
David Ernsting, Chefredakteur Kapitalanlagen-Test.de, im Interview mit Prof. Philipp Bagus, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Rey Juan Carlos in Madrid und Autor von “Die Ära Milei. Argentiniens neuer Weg”, über Javier Mileis überraschenden Wahlsieg im Oktober 2025, die fortschreitenden Wirtschaftsreformen und warum ein Mentalitätswechsel die Voraussetzung für echte Veränderung ist.
Herr Bagus, Javier Milei hat die Wahlen im Oktober 2025 überraschend deutlich gewonnen. Haben Sie mit diesem klaren Ergebnis gerechnet?
Nein. Damit war nicht zu rechnen nachdem die Peronisten Anfang September in der wichtigen Provinz Buenos Aires gewonnen hatten, und es zu Turbulenzen an den Finanzmärkten kam, weil gerade befürchtet wurde, Milei würde die Zwischenwahlen nicht gewinnen.
Dann tat er es doch mit einem klaren Ergebnis, das zeigt, dass die Argentinier hinter seinem Reformkurs stehen und den Kirchnerismus hinter sich lassen wollen.
In unserem Interview im August 2025 sagten Sie, erst die Hälfte der Reformen sei umgesetzt. Wie weit ist Milei jetzt – und was hat sich seither konkret verbessert?

Prof. Philip Bagus mit Javier Milei, Präsident Argentinien
Milei hat jetzt erstmal mit der Hilfe von kooperationswilligen Parteien eine Mehrheit für Reformen im Parlament. Er hat jetzt die sehr wichtige Arbeitsmarktreform auf den Weg gebracht.
Es gab auch ein Handelsabkommen mit den USA. Das alles geschah noch in ausserordentlichen Sitzungen.
Offiziell wurde die Legislaturperiode am 1. März eröffnet.
Er hat alle Ministerien gebeten, 10 Strukturreformen zu entwicklen.
Zu den Verbesserungen: Die Armutsquote ist weiter zurück gegangen. Von über 50% zu Beginn seiner Amtszeit auf jetzt 26,9%.
Die Wirtschaft wächst. Es gibt einen Handelsüberschuss. Der Strukturwandel geht voran.
Link zum Interview aus 2025: Interview mit Philipp Bagus, Professor für Volkswirtschaftslehre, über Javier Mileis Wirtschaftswunder in Argentinien und was Deutschland daraus lernen kann
Welche Reformen stehen jetzt mit dem gestärkten Mandat ganz oben auf der Agenda – und wo sehen Sie noch die größten Hürden?
Neben der Arbeitsmarktreform soll es eine Bildungsreform geben. Das Justizsystem soll schneller und effizienter werden. Die Steuersystem soll vereinfacht werden. Steuern sollen gesenkt werden. Investitionshürden sollen weiter abgebaut werden und auch Handelbeschränkungen.
Was erwarten Sie von Milei in den nächsten zwölf Monaten – und woran werden wir erkennen, ob er weiterhin auf dem richtigen Weg ist?
Er hat angekündigt, dass es zur reformreichsten Legislaturperiode in der Geschichte Argentinien kommen wird. Ich erwarte daher viele Strukturreformen, Deregulierungen und einen weiteren Rückbau des Staates. Also mehr Freiheit. Milei möchte Argentinien zum freiesten Land der Welt machen. Die Erfolge dieser Reformen werden meist erst mit der Zeit geerntet.
Dennoch sollten wir weiteres Wachstum sehen und einen weiteren Rückgang der Armutsquote. Und einen Anstieg der Investitionen.
Am besten zu erkennen, ob er weiterhin auf dem richtigen Weg ist, ist es wahrscheinlich durch die Kritik, die er in staatsfreundlichen und linken Medien, ernten wird.
Auf den Punkt gebracht: Wird Milei von linken Etatisten und Medien kritisiert und diffamiert, dann geht es in Argentinien voran.
2027 sind die nächsten Präsidentschaftswahlen. Wie groß ist die Zustimmung zu Milei derzeit und glauben Sie an einen erneuten Sieg Mileis?
Die Zustimmung ist ungebrochen gross. Milei ist authentisch. Anders als normale Politiker. Die Argentinier wollen nicht zurück und die Ergebnisse der Reformen werden langsam sichtbar, und nach und nach auch spürbar werden, auch wenn man nach Jahrzehnten des Sozialismus viel Kapital konsumiert hat und von ganz unten kommt. Ich bin daher sehr zuversichtlich für die Präsidentschaftswahlen 2027.
Wie hat sich die argentinische Börse seit unserem letzten Gespräch entwickelt – und sehen Sie bei argentinischen Aktien noch weiteres Potenzial, oder sind die Reformen bereits weitgehend eingepreist?
Es gab einen Absturz des Aktienmarktes als Anfang September der Kirchnerist Axel Kicilof die Wahlen in der Provinz Buenos Aires gewann. Das ganze Reformvorhaben war in Gefahr. Die Regierung hätte bei einer krachenden Niederlage bei den Zwischenwahlen stürzen können.
Als Milei dann die Zwischenwahlen gewann legte der Aktienindex kräftig zu. Er hat sich auf hohem Niveau stabilisiert.
Werden die Reformen weitergeführt und weiter Wahlen gewonnen, dann werden die Aktien kräftig steigen.
Argentinien Aktienindex
MERVAL Index Chart
Wo sehen Sie die größten Risiken für den weiteren Reformkurs – intern wie extern?
Die größte Risiken sind politischer Art. Kommt es beispielsweise zu einem Korruptionsskandal in seiner Regierung, und wird er nicht wiedergewählt, dann wird das Land wieder ins Chaos abrutschen. Extern wäre eine globale Finanzkrise Gift.
Argentiniens Staatsfinanzen sind immer noch prekär.
Argentinien ist auf die Refinanzierung von Altschulden angewiesen.
Bleibt diese aus, müsste Argentinien den Staatsbankrott anmelden mit unabsehbaren Folgen.
Deutschland und die EU befinden sich eher auf einem gegenteiligen wirtschaftlichen Kurs. Mehr Regulierung (z.B. beim Thema Künstlicher Intelligenz) statt mehr Mut zu Reformen. Warum bekommen Deutschland und die EU nicht ansatzweise hin, was Argentinien gerade sehr erfolgreich vormacht?
Weil Milei einen Mentalitätswechsel erreicht hat. Er hat den Kulturkampf erfolgreich geführt. Der Kapitalismus ist das einzig gerechte Wirtschaftssystem. Der Sozialismus führt nicht nur in Armut, er ist auch zutiefst ungerecht, weil er Eigentumsrechte verletzt.
Der Staat ist das Problem, nicht die Lösung.
Solange die Menschen in Deutschland und der EU glauben, der Staat sei die Lösung für ihre Probleme, wird es bei uns in die falsche Richtung gehen und es keine nachhaltigen Reformen geben.
Was bräuchte es, damit ein ähnlicher Reformimpuls in Deutschland möglich wird – muss sich die Wirtschaftskrise in Deutschland noch mehr verschärfen bevor gehandelt wird?
Es müssen sich die Ideen der Menschen ändern. Es muss auch bei uns zu einem Mentalitätswechsel hin zu mehr Eigenverantwortung, Fleiss, Sparen. Leben, Freiheit und Eigentum müssen unantastbar sein.
Eine Wirtschaftskrise kann dabei helfen, die Menschen für diese Ideen empfänglicher zu machen, aber sie ist dafür keine notwendige Voraussetzung.

Ihr Buch „Die Ära Milei. Argentiniens neuer Weg” hat sich ja als Standardwerk zu diesem Thema etabliert. Arbeiten Sie bereits konkret an einem Nachfolgeband – oder existiert zumindest eine Idee dazu?
Bis jetzt nicht. Wichtig sind die richtigen Ideen, die Ideen der Österreichischen Schule, des Libertarismus und wie Milei das Unmögliche – ein Libertärer als Staatspräsident – geschafft hat.
Alles andere ist im Fluss.