EZB erhöht den Leitzins auf 2,25% – was die Zinserhöhung für Aktien, Anleihen, Gold, Baufinanzierung und Tagesgeld bedeutet
Die Europäische Zentralbank hat an diesem Donnerstag erstmals seit fast drei Jahren wieder die Zinsen angehoben. Der für Sparer wie für die gesamte Geldpolitik entscheidende Einlagensatz steigt um 0,25 Prozentpunkte von 2,00% auf 2,25%, der Hauptrefinanzierungssatz klettert entsprechend auf 2,40%. Hintergrund ist die zuletzt deutlich gestiegene Inflation, die im Mai bei 3,2% lag – und damit spürbar über dem Ziel der Notenbank von 2%.
Wirklich überrascht hat dieser Schritt allerdings kaum jemanden. Die Märkte hatten eine Erhöhung im Juni längst eingepreist, also in den Kursen bereits berücksichtigt. Genau das ist gemeint, wenn von einer „eingepreisten“ Entscheidung die Rede ist: Wenn eine breite Mehrheit der Anleger fest mit einem bestimmten Ausgang rechnet, fließt diese Erwartung schon vorab in Anleihe-, Aktien- und Währungskurse ein.
Tritt das Erwartete dann tatsächlich ein, bleibt die unmittelbare Reaktion an den Märkten meist verhalten – die eigentliche Bewegung hat ja vorher stattgefunden. Überraschungen entstehen an der Börse eben nicht durch das, was passiert, sondern durch das, was anders passiert als gedacht.
Für den langfristig orientierten Anleger ist die spannendere Frage ohnehin nicht, ob die EZB nun um einen Viertelpunkt erhöht hat. Spannender ist, was eine Zinserhöhung überhaupt für das eigene Depot bedeutet – und warum die einzelnen Anlageklassen darauf ganz unterschiedlich reagieren.
Das Grundprinzip: Warum höhere Zinsen alles verschieben
Der erste Hebel ist die sichere Alternative. Wenn es für Tagesgeld oder kurz laufende Staatsanleihen wieder ordentliche Zinsen gibt, steigt die Messlatte für alles Riskantere. Eine Aktie muss dann schon mehr bieten, um gegen einen weitgehend risikolosen Zins von, sagen wir, 2,25% attraktiv zu bleiben. Der zweite Hebel ist die Bewertung: Künftige Gewinne und Zahlungsströme werden bei höheren Zinsen stärker „abgezinst“, sind also in der Gegenwart weniger wert. Das trifft vor allem jene Unternehmen, deren Gewinne weit in der Zukunft liegen.
Aus diesen beiden Mechanismen lässt sich fast die gesamte Reaktion der Märkte ableiten. Schauen wir sie uns der Reihe nach an.
Wirkung auf die einzelnen Anlageklassen
Tages- und Festgeld profitieren am unmittelbarsten. Steigt der Einlagensatz, ziehen viele Banken früher oder später bei den Sparzinsen nach. Für sicherheitsorientierte Sparer sind das gute Nachrichten – mit einer Einschränkung: Solange die Inflation bei über 3% liegt, bleibt der reale Ertrag, also nach Abzug der Teuerung, häufig trotzdem negativ. Das Geld auf dem Tagesgeldkonto verliert dann zwar langsamer, aber eben weiter an Kaufkraft.
Anleihen reagieren auf den ersten Blick paradox. Steigen die Zinsen, fallen die Kurse bereits umlaufender Anleihen – und zwar deshalb, weil neue Papiere mit höheren Kupons auf den Markt kommen und die alten, niedriger verzinsten damit unattraktiver machen. Wer eine Anleihe schon im Depot hat, sieht also zunächst Kursverluste. Wer dagegen neu kauft, bekommt jetzt wieder auskömmlichere Renditen. Wie stark eine Anleihe schwankt, hängt vor allem von der Restlaufzeit ab: Lang laufende Papiere reagieren deutlich heftiger als kurze.
Aktien bekommen vor allem den zweiten Hebel zu spüren, die schärfere Abzinsung. Besonders betroffen sind Wachstums- und Technologiewerte, deren Bewertung stark auf weit entfernten Zukunftsgewinnen fußt. Auf der anderen Seite stehen die Gewinner: Banken und Versicherer verdienen an höheren Zinsen tendenziell mehr, weil sich ihre Zinsmargen verbessern. Und auch dividendenstarke „Brot-und-Butter“-Aktien geraten in ein zwiespältiges Licht – sie konkurrieren plötzlich wieder mit sicheren Zinsen, die es so jahrelang gar nicht gab.
Immobilien und Immobilienaktien (REITs) leiden, weil sie besonders zinssensibel sind. Höhere Finanzierungskosten drücken auf die Renditen, und die laufenden Mieterträge wirken im Vergleich zu gestiegenen Anleihezinsen weniger üppig. Dazu gleich mehr, wenn es um die Baufinanzierung geht.
Gold wirft bekanntlich keine Zinsen ab. Genau das ist in einem Umfeld steigender Zinsen ein Nachteil: Die Opportunitätskosten – also das, worauf man durch den Verzicht auf verzinste Anlagen verzichtet – steigen. Tendenziell ist das eine Belastung. Allerdings kann Gold seine Rolle als Krisen- und Inflationsschutz dann ausspielen, wenn die Teuerung hoch bleibt und die Nervosität an den Märkten zunimmt.
Der Euro schließlich profitiert von höheren Zinsen meist – zumindest in der Theorie. Höhere Zinsen machen eine Währung für internationale Anleger attraktiver. Wie stark dieser Effekt am Ende ausfällt, hängt aber immer davon ab, was die anderen großen Notenbanken gerade tun.
| Anlageklasse | Tendenz | Was das für Anleger heißt |
|---|---|---|
| Tages- & Festgeld | ▲ positiv | Höhere Sparzinsen – nach Abzug der Inflation real aber oft weiter negativ |
| Anleihen (im Bestand) | ▼ Kurse fallen | Alte Papiere verlieren an Wert, Neukäufe rentieren dafür besser; lange Laufzeiten schwanken stärker |
| Aktien: Wachstum & Tech | ▼ Gegenwind | Stärkere Abzinsung belastet die weit in der Zukunft liegenden Gewinne |
| Aktien: Banken & Versicherer | ▲ Rückenwind | Bessere Zinsmargen wirken tendenziell positiv |
| Immobilien / REITs | ▼ Belastung | Teurere Finanzierung, Mietrenditen wirken gegenüber Zinsen weniger attraktiv |
| Gold | ▼ tendenziell | Höhere Opportunitätskosten, aber Gegengewicht als Inflations- und Krisenschutz |
| Euro | ▲ tendenziell | Höhere Zinsen stützen die Währung – abhängig vom Kurs anderer Notenbanken |
Baufinanzierung: teurer, aber nicht direkt am Leitzins
Unterm Strich heißt eine Zinswende nach oben für angehende Immobilienkäufer aber fast immer dasselbe: Die monatliche Rate für denselben Kreditbetrag steigt, der finanzierbare Kaufpreis sinkt, und die Kalkulation wird enger. Auch wer in den kommenden Jahren eine Anschlussfinanzierung braucht, sollte die Entwicklung im Blick behalten. Und weil eine Immobilie für viele eben auch eine Kapitalanlage ist, gilt: Wird die Finanzierung teurer, sinkt die Rendite auf das eingesetzte Eigenkapital – die Immobilie verliert als Investment ein Stück weit an Reiz.
Was der Zinsschritt je nach Anlagehorizont bedeutet
Ob eine einzelne Zinserhöhung überhaupt eine große Rolle spielt, hängt entscheidend davon ab, wie lange das Geld angelegt bleiben soll.
Für kurzfristig orientierte Anleger ist der Schritt am ehesten spürbar. Wer sein Geld nur ein, zwei Jahre parken will, profitiert von steigenden Tages- und Festgeldzinsen und sollte lange Anleihelaufzeiten eher meiden – dort drohen bei weiter steigenden Zinsen die größten Kursverluste.
Für mittelfristig orientierte Anleger mit einem Horizont von etwa drei bis sieben Jahren eröffnen sich Umschichtungschancen. Anleihen mittlerer Laufzeit werfen wieder etwas ab, und ein ausgewogenes Verhältnis aus Zins- und Substanzwerten kann sich lohnen. Hektik ist aber auch hier kein guter Ratgeber.
Für langfristig orientierte Anleger schließlich ist ein einzelner Zinsschritt am Ende nicht viel mehr als Rauschen. Über einen Anlagehorizont von zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren mitteln sich Zinszyklen ohnehin heraus. Was zählt, sind Diversifikation, niedrige Kosten und das konsequente Dranbleiben – auch dann, wenn die Schlagzeilen gerade einmal unruhig sind.
| Anlagehorizont | Bedeutung des Schritts | Worauf es ankommt |
|---|---|---|
| Kurzfristig (bis ca. 2 Jahre) |
spürbar | Steigende Tages- und Festgeldzinsen nutzen, lange Anleihelaufzeiten meiden |
| Mittelfristig (3 bis 7 Jahre) |
moderat | Umschichtungschancen prüfen, Anleihen mittlerer Laufzeit, ausgewogen bleiben |
| Langfristig (10+ Jahre) |
gering | Zinszyklen mitteln sich heraus – Diversifikation und Dranbleiben zählen |
Fazit: kein Grund für Aktionismus
Eine Zinserhöhung um einen Viertelpunkt ist für sich genommen kein Grund, das eigene Depot umzukrempeln. Sie verändert die Spielregeln zwar an den Rändern – sicheres Geld wird wieder etwas wert, lange Anleihen und teure Wachstumswerte bekommen Gegenwind, die Finanzierung von Immobilien wird teurer. Aber die großen Linien einer durchdachten Anlagestrategie stellt ein einzelner Schritt nicht infrage.
Wer breit gestreut ist, wer verschiedene Bausteine im Portfolio hat und nicht alles auf eine Karte setzt, der muss auf eine solche Nachricht eigentlich gar nicht groß reagieren. Im Gegenteil: Die größten Fehler entstehen meist nicht durch die Zinsentscheidungen der Notenbank, sondern durch hektische Reaktionen darauf. Geduld, eine klare Struktur und ein langer Atem sind eben auch hier die besten Freunde des Anlegers.