Trumps Grönland-Poker: Wie der US-Präsident Europa zur Arktis-Abwehr gegen China und Russland zwingt
- 2019: Der erste Vorstoß – noch als Kaufangebot getarnt
- 2023-2024: Europa erwacht – aber zu spät
- Januar 2025: Die Eskalation – Trump schließt militärische Gewalt nicht aus
- Die europäische Reaktion: Genau nach Trumps Drehbuch
- Der strategische Clou: Europa muss nun selbst China und Russland abwehren
- Die Faktenlage: Wie groß ist die Bedrohung wirklich?
- Die langfristigen Implikationen
- Grönland selbst: Der vergessene Akteur
- Das größere Bild: Eine neue Weltordnung im Entstehen
Was auf den ersten Blick wie imperialer Größenwahn wirkt, könnte sich als kalkulierte Machtpolitik entpuppen. Trumps wiederholte Drohungen, Grönland zu übernehmen, zwingen die Europäer in eine paradoxe Situation: Um fremde Einmischung abzuwehren, müssen sie nun selbst massiv in der Arktis aufrüsten – und dabei genau jene chinesischen und russischen Ambitionen bekämpfen, vor denen Trump angeblich warnt.
Die Chronologie einer gezielten Eskalation zeigt ein Muster, das sich über Jahre entwickelt hat und nun zur vollen Entfaltung kommen könnte.
2019: Der erste Vorstoß – noch als Kaufangebot getarnt
Im August 2019 überraschte Donald Trump während seiner ersten Amtszeit die Weltöffentlichkeit mit der Idee, Grönland von Dänemark zu kaufen. Was zunächst wie eine seiner typischen Eskapaden wirkte, hatte durchaus historische Vorläufer: Bereits 1867, 1910 und 1946 hatten die USA Interesse an der strategisch bedeutsamen Insel bekundet.
Präsident Harry Truman bot 1946 immerhin 100 Millionen Dollar in Gold.
Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen bezeichnete Trumps Vorstoß als “absurd”. Trump reagierte empört, nannte ihre Bemerkung “widerlich” und sagte seinen geplanten Staatsbesuch in Kopenhagen ab. Die Sache schien damit erledigt.
Doch im Hintergrund geschah etwas Entscheidendes: Die USA eröffneten 2020 ein Konsulat in Nuuk, der grönländischen Hauptstadt. Ein Signal, das man hätte ernst nehmen müssen.
Denn Trump denkt in Deals, nicht in Symbolik.
Das Konsulat war kein Goodwill-Geste, sondern Infrastruktur für kommende Operationen.
2023-2024: Europa erwacht – aber zu spät
Die Europäer reagierten zwar auf Trumps ersten Vorstoß, aber eher zaghaft. Im November 2023 unterzeichnete die EU mit Grönland eine Vereinbarung über kritische Rohstoffe – immerhin beherbergt die Insel 25 von 34 Mineralien, die für den grünen und digitalen Wandel unverzichtbar sind. Im selben Jahr eröffnete die EU ein Büro in Nuuk.
Bis 2027 will Brüssel 225 Millionen Euro auf der Insel ausgeben. Das klingt nach viel, ist aber im Vergleich zu den geopolitischen Dimensionen geradezu symbolisch. Dänemark zahlt jährlich etwa 400 Millionen Dollar an Grönland – eine Summe, die verdeutlicht, wie begrenzt die europäischen Ambitionen eigentlich sind.
In dieser Phase geschah etwas, das die These des kalkulierten Trump-Manövers stützt: China und Russland intensivierten ihre Aktivitäten in der Arktis messbar. Nach Angaben westlicher Geheimdienste schickte China mehrere Eisbrecher und Forschungsschiffe in arktische Gewässer. Die chinesische Volksbefreiungsarmee führte gemeinsame Patrouillen mit der russischen Marine durch, teils vor Alaska und Kanada.
Der NATO-Oberbefehlshaber in Europa, General Alexus Grynkewich, warnte im Januar 2025 öffentlich:
“Chinesische Eisbrecher und Forschungsschiffe befinden sich in arktischen Gewässern, und ihre Forschung dient dazu, einen militärischen Vorteil zu erlangen.”
Russland teste zudem fortschrittliche Fähigkeiten in der Barentssee.
Januar 2025: Die Eskalation – Trump schließt militärische Gewalt nicht aus
Mit seiner erneuten Amtsübernahme am 20. Januar 2025 verschärfte Trump den Ton dramatisch. Bereits am 23. Dezember 2024 hatte er auf Truth Social verkündet: “Die Vereinigten Staaten von Amerika sind der Meinung, dass der Besitz und die Kontrolle von Grönland eine absolute Notwendigkeit sind.”
Am 7. Januar 2025 folgte bei einer Pressekonferenz in Mar-a-Lago die entscheidende Aussage: Trump schloss militärische Gewalt zur Übernahme Grönlands ausdrücklich nicht aus. Sein Sohn Donald Trump Jr. stattete der Insel einen “Privatbesuch” ab – ein durchsichtiges Manöver zur Sondierung der Stimmung vor Ort.
Die Begründung?
“Aus Gründen der nationalen Sicherheit” müssten die USA Grönland kontrollieren. Überall seien russische und chinesische Kriegsschiffe, Dänemark könne das nicht kontrollieren.
Diese Argumentation ist zentral für das Verständnis von Trumps Strategie.
Die europäische Reaktion: Genau nach Trumps Drehbuch
Und hier zeigt sich die Brillanz – oder Perfidie – des Trump’schen Manövers. Europa reagierte mit genau jener entschlossenen Abwehrhaltung, die Trump provozieren wollte.
Frankreich kündigte am 6. Februar die Eröffnung eines Konsulats in Nuuk an – das erste europäische Land überhaupt. Der französische Außenminister Jean-Noël Barrot nannte es ein “politisches Signal” an Trump. Dänemark verstärkte seine Militärpräsenz auf Grönland und kündigte massive Investitionen in die Arktis-Verteidigung an.
Deutschland, Großbritannien und Polen diskutierten über eine gemeinsame europäische Antwort. Die NATO erwog einen neuen Überwachungseinsatz namens “Arctic Sentry” – analog zu den bereits existierenden Programmen “Eastern Sentry” und “Baltic Sentry”. Das Bündnis führte alle Aktivitäten in der Arktis unter einem Kommando zusammen.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte an, die Ausgaben für Grönland ab 2028 mehr als zu verdoppeln. Die Botschaft war klar: Europa lässt sich nicht von den USA einschüchtern.

Der strategische Clou: Europa muss nun selbst China und Russland abwehren
Hier offenbart sich die eigentliche Genialität von Trumps Vorgehen. Indem Europa sich so vehement gegen “fremde Einmischung” positioniert – gemeint sind die USA –, gerät es in einen logischen Zwang: Wenn territoriale Integrität und Souveränität so heilig sind, dann muss Europa diese Prinzipien auch gegenüber China und Russland durchsetzen.
Die Europäer können ihren eigenen Bürgern nicht plausibel erklären, warum amerikanische Präsenz in Grönland inakzeptabel ist, chinesische Forschungsschiffe oder russische Patrouillen aber hingenommen werden. Trump hat Europa in eine Argumentationsfalle manövriert.
Dänemark kündigte bereits an, “mit seinen Verbündeten Gespräche über neue und verstärkte Aktivitäten im Jahr 2026” zu führen. Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen erklärte: “Wir werden innerhalb der NATO auf mehr Übungen und eine verstärkte Präsenz der NATO in der Arktis drängen.”
Die paradoxe Konsequenz: Trump erreicht durch bloße Rhetorik, dass Europa massiv in der Arktis aufrüstet und dort eine Abwehrfront gegen China und Russland aufbaut – ohne dass die USA dafür substantiell mehr Geld ausgeben müssen. Die USA verfügen bereits über die Luftwaffenbasis Pituffik (ehemals Thule) und haben weitreichende Verteidigungsrechte aufgrund eines Abkommens von 1951.
Die Faktenlage: Wie groß ist die Bedrohung wirklich?
Interessanterweise sind Trumps Behauptungen über die chinesische und russische Präsenz zumindest übertrieben. Laut einem Bericht des dänischen Geheimdienstes vom Dezember 2025 verfügt China über “keinerlei militärische Präsenz in der Arktis”. Das Land nutze vier zivile Eisbrecher und ein Forschungsschiff, um Daten zu sammeln.
Die grönländische Abgeordnete Aaja Chemnitz warf Trump vor, “Lügen über chinesische und russische Kriegsschiffe zu verbreiten”.
Arktis-Experte Tobias Etzold von der Stiftung Wissenschaft und Politik bestätigt:
“Die Behauptungen von Trump über die militärische Präsenz von China und Russland in Grönland sind übertrieben.”
Russland nutzt zwar systematisch zivile Schiffe zur Überwachung zwischen Grönland, Island und Großbritannien. Aber eine unmittelbare Invasionsgefahr besteht nicht. Die unwirtliche Geografie Grönlands – eisbedeckt, von Fjorden durchzogen, keine Straßenverbindungen zwischen den wenigen Siedlungen – macht eine Landung und Besetzung äußerst schwierig.

Trump nutzt also eine theoretische Bedrohung, die durchaus real ist, aber deutlich dramatisiert sie, um Europa zum Handeln zu zwingen.
Die langfristigen Implikationen
Was bedeutet das für die Zukunft? Europa hat nun drei Optionen, von denen keine besonders attraktiv ist:
Option 1: Massive Aufrüstung in der Arktis
Europa investiert Milliarden in militärische Präsenz, Überwachung und Infrastruktur. Das bindet Ressourcen, die anderswo fehlen – etwa in der Ukraine-Unterstützung oder beim Klimaschutz. Aber es erfüllt genau das amerikanische Ziel: Europa übernimmt die Hauptlast der Arktis-Verteidigung.
Option 2: Diplomatische Deals mit den USA
Europa könnte versuchen, mit Trump einen Deal auszuhandeln: Mehr europäische Investitionen in Grönland, im Gegenzug verzichten die USA auf territoriale Ansprüche. Das Problem: Trump hat bereits demonstriert, dass er Vereinbarungen nicht für bindend hält. Und selbst wenn er zustimmt – was garantiert, dass sein Nachfolger sich daran hält?
Option 3: Das Risiko ignorieren
Europa könnte Trumps Drohungen als leere Rhetorik abtun und weitermachen wie bisher. Das wäre politisch gefährlich, denn die öffentliche Meinung in Europa erwartet nun Taten. Und tatsächlich wächst der chinesische Einfluss in der Arktis stetig.
Die wahrscheinlichste Entwicklung ist eine Kombination aus Option 1 und 2: Europa rüstet auf, versucht aber gleichzeitig, Trump mit symbolischen Zugeständnissen zu besänftigen. Das Ergebnis ist eine neue arktische Sicherheitsarchitektur, in der Europa die Hauptlast trägt – und die USA trotz geringerer Investitionen die Kontrolle behalten.
Grönland selbst: Der vergessene Akteur

In all diesen geopolitischen Kalkulationen geht beinahe unter, dass Grönland selbst ein Mitspracherecht hat. Die rund 57.000 Einwohner wollen weder zu den USA noch vollständig unabhängig werden – zumindest derzeit nicht.
Bei Trumps Ankündigung 2019 demonstrierten 3.500 Grönländer vor dem US-Konsulat.
Umgerechnet auf die deutsche Bevölkerung wären das fünf Millionen Menschen.
Der grönländische Regierungschef Múte B. Egede bezeichnete die geplanten Besuche amerikanischer Regierungsvertreter als “äußerst aggressiv” und “Machtdemonstration”. Aktuelle Umfragen zeigen, dass 85% der Grönländer Trumps Pläne ablehnen.
Aber Grönland ist auch ökonomisch abhängig – von Dänemark, das jährlich 400 Millionen Dollar zahlt. Die USA haben bereits angedeutet, dass sie diese Summe problemlos übernehmen könnten, vermutlich mit einem erheblichen Aufschlag. Das könnte die öffentliche Meinung in Grönland mittelfristig verschieben, besonders wenn Europa nicht mit vergleichbaren Investitionen nachzieht.
Das größere Bild: Eine neue Weltordnung im Entstehen
Die Grönland-Debatte ist mehr als ein regionaler Konflikt. Sie markiert einen fundamentalen Wandel in der transatlantischen Beziehung. Trump hat demonstriert, dass die USA bereit sind, auch gegenüber Verbündeten mit roher Macht zu agieren – oder zumindest damit zu drohen.
Die alte Ordnung, in der die USA als wohlwollender Hegemon auftraten, ist vorbei. An ihre Stelle tritt eine transaktionale Beziehung: Europa muss für amerikanischen Schutz bezahlen, und zwar nicht nur mit Geld, sondern auch mit strategischer Unterordnung.
China und Russland beobachten diese Entwicklung mit Genugtuung. Jede Spaltung innerhalb der NATO schwächt die westliche Abschreckung. Gleichzeitig müssen sie zur Kenntnis nehmen, dass Europa nun entschlossener in der Arktis auftritt – was ursprünglich nicht ihre Priorität war.
Am Ende könnte Trump sein Hauptziel erreichen, ohne Grönland jemals zu “kaufen” oder zu annektieren: Europa übernimmt die Hauptverantwortung für die Arktis-Sicherheit, investiert massiv in die Region und hält China und Russland in Schach.
Die USA behalten ihre strategische Position auf Grönland, sparen aber Geld und können ihre Ressourcen anderswo einsetzen – etwa im Pazifik gegen China.