Software-Aktien im freien Fall: Crash oder historische Einstiegschance bei Adobe, SAP & Co?

Der Softwaresektor erlebt derzeit einen der heftigsten Ausverkäufe seit Jahren. Während KI-Hardwarehersteller und Chipkonzerne neue Höchststände markieren, stürzen etablierte Softwareunternehmen regelrecht ab.

Der iShares Expanded Tech-Software Sector ETF (IGV) ist um etwa 22% von seinem jüngsten Hoch gefallen und hat damit offiziell Bärenmarkt-Territorium erreicht.

Der S&P 500 Software and Services Index fiel um 8,7% auf ein 9-Monats-Tief – der stärkste Tagesrückgang seit Monaten.

Was auf den ersten Blick wie eine Katastrophe aussieht, könnte für informierte Anleger jedoch eine außergewöhnliche Gelegenheit darstellen.

Die These: Der Markt übersieht die wahren Wettbewerbsvorteile etablierter Softwareunternehmen und bewertet sie pauschal als Verlierer der KI-Revolution.

Doch ist diese Panik gerechtfertigt?

 

Software-Aktien: Milliarden an Marktkapitalisierung verdampft

Die Liste der Betroffenen liest sich wie das Who’s Who der Softwareindustrie. Laut aktuellen Berichten stehen einige der größten Namen massiv unter Druck.

Allein im Januar 2026 kam es zu dramatischen Kursverlusten:

Unternehmen Kursverlust YTD 2026 Kontext
ServiceNow ca. -21% Trotz solider Zahlen massiv unter Druck
Salesforce ca. -17% Sorgen um Lizenzmodell
SAP ca. -16% Schwache Cloud-Prognose für 2026
Adobe ca. -12% KI-Konkurrenz für Creative Cloud befürchtet
Datadog ca. -4% Vergleichsweise glimpflich davongekommen

 

Software Aktien Kursverluste 2026

 

Adobe im Fokus der Anleger

Besonders Adobe steht symbolisch für die Ängste der Anleger.

Der Photoshop- und Creative-Cloud-Anbieter hat seit Jahresbeginn 12% an Wert verloren – und das, obwohl das Unternehmen selbst massiv in KI-Funktionen investiert. Mit einem 52-Wochen-Hoch von 465,70 US-Dollar und einem aktuellen Kurs von rund 293 US-Dollar liegt die Aktie etwa 37% unter ihrem Jahreshöchststand.

Die Sorge der Analysten ist: Wenn generative KI-Tools wie Midjourney, DALL-E oder Stable Diffusion die Erstellung von Bildern und Grafiken demokratisieren, warum sollten Kreative dann noch für teure Adobe-Lizenzen zahlen?

Doch auch hier zeigt sich die Komplexität des Themas.

Adobe hat nicht nur Software, sondern über Jahrzehnte ein komplettes Ökosystem aufgebaut – von Farbprofilen über Dateiformate bis hin zu Workflows, die tief in der Kreativbranche verankert sind.

Adobe Aktie Chart

 

Warum verliert ServiceNow?

ServiceNow veröffentlichte durchaus respektable Zahlen und übertraf die Erwartungen bei Umsatz und Gewinn. Trotzdem brach die Aktie ein.

Morgan Stanley kommentierte lakonisch:

 

“Gut, aber nicht gut genug. In einem Umfeld erhöhter Skepsis gegenüber etablierten Software-Anbietern reicht stabiles Wachstum nicht aus.”

ServiceNow Aktie Chart

 

Die Bären-These: KI macht Software obsolet

Doch die Ängste der Anleger sind nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Die Kernargumente der Skeptiker lauten wie folgt:

1. Jeder kann jetzt Software schreiben
Neue KI-Tools wie Anthropics Claude Code oder Replis Vibe-Coding-Plattformen ermöglichen es auch technisch weniger versierten Nutzern, komplexe Anwendungen zu erstellen. Was früher Teams von Entwicklern und Monate kostete, kann heute in Stunden erledigt werden. Die Befürchtung: Wenn jeder seine eigene Software schreiben kann, warum sollte man dann teure Lizenzen kaufen?

2. Das Lizenzmodell bröckelt
Traditionelle SaaS-Anbieter verdienen ihr Geld mit sogenannten “per-seat”-Lizenzen – jeder Nutzer zahlt eine monatliche oder jährliche Gebühr. Doch wenn KI die Produktivität einzelner Mitarbeiter massiv steigert, brauchen Unternehmen in Zukunft möglicherweise schlicht weniger Lizenzen. Ein Mitarbeiter, der mit KI-Unterstützung die Arbeit von drei Personen erledigt, benötigt nur eine Lizenz statt drei.

3. Verlangsamtes Wachstum selbst bei Marktführern
Wie J.P. Morgan in einer aktuellen Analyse anmerkt, herrscht in der Branche eine “paradoxe Abwärtsspirale aus gedrückten Bewertungen bei gleichzeitig steigenden oder zumindest stabilen Erwartungen der Investoren”. Selbst Schwergewichte wie Microsoft berichten von nachlassendem Schwung im Cloud-Geschäft – und das, obwohl die Unternehmen massiv in KI investieren.

 

Die Gegenthese: Software ist weit mehr als nur Code

Während die Bären den Sektor bereits abschreiben, argumentieren einige Analysten, dass die Panik fundamental übertrieben ist. Gil Luria von D.A. Davidson bringt es auf den Punkt:

 

“Wenn KI ein Geschäft töten würde, müssten die Anzeichen bereits sichtbar sein. Wir sind jetzt im dritten Jahr der KI-Transformation – und die befürchtete massive Verdrängung etablierter Anbieter ist ausgeblieben.”

 

Die Bullen-These basiert auf einer simplen Erkenntnis: Der wahre Wert eines Softwareunternehmens liegt nicht im Code, sondern in Faktoren, die sich durch KI nicht ohne Weiteres replizieren lassen.

 

Die unsichtbaren Mauern: Warum etablierte Anbieter geschützt sind

Hohe Wechselkosten (Switching Costs)
Für die meisten Unternehmen ist ihre Business-Software tief in kritische Prozesse integriert. Ein Wechsel bedeutet nicht nur technischen Aufwand, sondern auch massive Schulungen, Datenmigrationen und das Risiko von Betriebsunterbrechungen. Selbst wenn ein KI-Tool theoretisch dieselbe Funktionalität bietet – die Kosten und Risiken eines Wechsels sind für viele schlicht zu hoch.

Nach einer Studie von Bain & Company kann bereits eine Steigerung der Kundenbindung um 5% die Gewinne um 25% bis 95% erhöhen. B2B-SaaS-Unternehmen weisen mit etwa 90% eine der höchsten Retention-Raten aller Branchen auf – ein direktes Resultat dieser hohen Wechselbarrieren.

Branchenspezifische Expertise
Besonders Anbieter von sogenannter “Vertical SaaS” – also branchenspezifischer Software – sind schwer zu verdrängen. Eine Anwaltskanzlei-Software muss kontinuierlich an neue Gesetze und Compliance-Anforderungen angepasst werden. Ein generisches KI-Tool kann diese hochspezialisierte, regulatorische Expertise nur schwer ersetzen.

Netzwerkeffekte
Plattformen wie Atlassian oder Salesforce profitieren davon, dass ihr Wert mit der Anzahl der Nutzer steigt. Ein neuer Konkurrent müsste erst eine kritische Masse erreichen, um denselben Nutzen zu bieten – eine enorme Eintrittsbarriere.

Salesforce Aktie Chart

 

KI als Freund, nicht Feind: Die Evolution der Geschäftsmodelle

Ein weiterer, oft übersehener Punkt: Etablierte Softwareunternehmen können KI selbst nutzen, um ihre Produkte zu verbessern und ihre eigenen Kosten zu senken. Viele Anbieter entwickeln bereits neue Preismodelle, die nicht mehr auf Nutzerzahlen, sondern auf tatsächlicher Nutzung basieren (“consumption-based pricing”). Autonome KI-Agenten, die rund um die Uhr arbeiten, könnten dabei sogar zu höherem Verbrauch – und damit zu mehr Umsatz – führen.

ServiceNow-CEO Bill McDermott versuchte auf dem jüngsten Earnings Call genau diese Botschaft zu vermitteln:

 

“Der echte Mehrwert entsteht, wenn Milliarden von Token direkt in die Workflows eingebettet werden, in denen Geschäftsentscheidungen getroffen werden. ServiceNow ist das Gateway zu diesem Wandel – die semantische Ebene, die KI im Unternehmen allgegenwärtig macht.”

 

Drei ETFs für überzeugte Bullen

Wer davon überzeugt ist, dass etablierte Softwareunternehmen nicht nur überleben, sondern als Gewinner der KI-Revolution hervorgehen werden, hat verschiedene Möglichkeiten, breit gestreut in den Sektor zu investieren. Drei ETFs bieten unterschiedliche Ansätze:

iShares Expanded Tech-Software Sector ETF (IGV)

 

Der IGV ist mit einem verwalteten Vermögen von rund 7,1 Milliarden US-Dollar der Klassiker unter den Software-ETFs. Er bildet den S&P North American Expanded Technology Software Index ab und konzentriert sich auf nordamerikanische Unternehmen aus der Softwarebranche sowie ausgewählte Firmen aus den Bereichen Interactive Home Entertainment und Interactive Media.

Kennzahl Wert
Holdings ca. 120 Unternehmen
Expense Ratio 0,39%
Top 5 Positionen Microsoft, Palantir, Oracle, Salesforce, AppLovin
Performance (letzter Monat) ca. -14%

Der Fokus liegt klar auf Application Software (62,78%) und Systems Software (33,45%). Die aktuelle Schwäche – der ETF ist im letzten Monat um knapp 14% gefallen – könnte aus Bullensicht eine Einstiegsgelegenheit darstellen.

 

Invesco AI and Next Gen Software ETF (IGPT)

Der IGPT verfolgt einen etwas anderen Ansatz. Er bildet den STOXX World AC NexGen Software Development Index ab und investiert gezielt in Unternehmen, die von KI und der nächsten Generation der Softwareentwicklung profitieren sollen. Das Portfolio ist breiter aufgestellt als bei IGV und umfasst auch internationale Positionen.

Kennzahl Wert
Holdings 98 Unternehmen
Expense Ratio 0,56%
Sektor-Gewichtung Technology (67,98%), Communication Services (19,63%)
YTD Performance ca. +27,70%
Beta 1,44

Mit einer Kostenquote von 0,56% ist der IGPT etwas teurer als die Konkurrenz, bietet dafür aber einen stärker auf KI-fokussierten Ansatz. Die YTD-Performance von fast 28% zeigt, dass dieser Fokus zumindest in der Vergangenheit aufgegangen ist.

 

SPDR S&P Software & Services ETF (XSW)

 

Der XSW ist die kostengünstigste Option und setzt auf einen modified equal-weighted Index. Das bedeutet: Anders als bei IGV oder IGPT, wo die größten Positionen deutlich höher gewichtet sind, streut XSW das Kapital gleichmäßiger über das gesamte Portfolio. Das reduziert das Klumpenrisiko und bietet Zugang zu kleineren, potenziell wachstumsstarken Unternehmen.

Kennzahl Wert
AUM 443,71 Mio. USD
Expense Ratio 0,35%
Sektor-Gewichtung Technology (89,49%), Financial Services (6,05%)
KGV 19,51
YTD Performance ca. -5,41%

Mit einer Expense Ratio von nur 0,35% und der equal-weighted Struktur eignet sich XSW besonders für Anleger, die eine breitere Streuung innerhalb des Software-Sektors suchen und nicht zu stark auf die üblichen Tech-Giganten setzen wollen.

 

Fazit: Für welche Anleger ist das interessant?

Die aktuelle Schwäche bei Software-Aktien ist keine pauschale Vernichtung des Sektors, sondern eine Neubewertung. Während einige Geschäftsmodelle tatsächlich bedroht sein mögen, sind viele etablierte Anbieter robuster aufgestellt, als es die aktuellen Kurse vermuten lassen.

Konträre, langfristig orientierte Anleger
Wer bereit ist, gegen die aktuelle Marktstimmung zu wetten und einen Zeithorizont von mindestens 3-5 Jahren mitbringt, könnte in den aktuellen Bewertungen eine historische Chance sehen. Die Erfahrung zeigt: Die besten Einstiegspunkte entstehen oft, wenn “verängstigtes Geld” den Markt verlässt.

Anleger mit mittlerer bis hoher Risikotoleranz
Software-ETFs weisen typischerweise ein Beta von 1,4 bis 1,5 auf – sie schwanken also etwa 40-50% stärker als der Gesamtmarkt. Die aktuelle Volatilität wird vermutlich anhalten, zumindest bis sich eine klarere Marktmeinung zur Rolle von KI im Software-Ökosystem herausbildet. Wer nachts nicht mehr schlafen kann, wenn das Depot 15-20% im Minus steht, sollte die Finger davon lassen.

Technologieaffine Investoren mit Selektionsfähigkeit
Die ETF-Lösung bietet Diversifikation, eliminiert aber nicht das Risiko, dass einzelne Geschäftsmodelle tatsächlich obsolet werden. Wer sich zutraut, innerhalb des Sektors weiter zu selektieren – etwa gezielt auf Unternehmen mit hohen Wechselkosten oder Netzwerkeffekten – könnte auch Einzelaktien in Erwägung ziehen.

Nicht geeignet für:
Kurzfristig orientierte Trader, sicherheitsorientierte Anleger oder Portfolio-Einsteiger ohne technologisches Grundverständnis sollten abwarten. Die These mag überzeugen – aber sie braucht Zeit, um sich zu bewahrheiten. Und in volatilen Märkten ist Geduld oft wichtiger als das perfekte Timing.

Die Frage ist nicht, ob KI die Softwareindustrie verändert.

Die Frage ist, wer von dieser Veränderung profitiert – und die Antwort könnte einige überraschen!

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