ETF Risiken

ETF Risiken: Realistische Einschätzung und Risikomanagement

ETFs gelten gemeinhin als transparente, kostengünstige und relativ unkomplizierte Anlageform. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie risikofrei wären. Wie jede Kapitalanlage unterliegen auch börsengehandelte Indexfonds verschiedenen Risikofaktoren, die Anleger kennen und einordnen sollten. Die Frage ist nicht, ob Risiken existieren – das tun sie immer –, sondern wie man sie erkennt, bewertet und durch geeignete Maßnahmen begrenzt.

Ein fundiertes Risikomanagement beginnt mit dem Verständnis, dass unterschiedliche Risikoarten unterschiedlich zu handhaben sind. Manche lassen sich durch Diversifikation reduzieren, andere sind systemischer Natur und betreffen alle Anleger gleichermaßen. Wieder andere entstehen erst durch spezifische Konstruktionsmerkmale einzelner ETFs. Wer diese Unterschiede kennt, kann bewusster entscheiden und unangenehme Überraschungen vermeiden.

Marktrisiko: Die fundamentale Schwankungsanfälligkeit

Das zentrale Risiko jeder Aktienanlage ist das Marktrisiko – also die Tatsache, dass Kurse fallen können. Ein ETF auf den MSCI World bildet diesen Index ab, und wenn der Index um 20% oder 30% fällt, tut das auch der ETF. Es gibt keinen Schutzmechanismus, kein Fondsmanagement, das gegensteuert. Man kauft den Markt, und man trägt dessen Schwankungen.

Historisch gesehen haben Aktienmärkte langfristig positive Renditen erzielt, aber der Weg dorthin war selten linear. Korrekturen von 10% bis 20% kommen alle paar Jahre vor, größere Einbrüche wie 2008 oder 2020 sind seltener, aber keineswegs ausgeschlossen. Wer in solchen Phasen Kapital benötigt und verkaufen muss, realisiert Verluste.

Die wichtigste Gegenmaßnahme ist ein ausreichend langer Anlagehorizont. Wer mindestens zehn, besser 15 Jahre investiert bleiben kann, hat historisch betrachtet gute Chancen, auch schwere Rückschläge auszusitzen. Für kürzere Zeiträume sollte der Aktienanteil entsprechend geringer sein oder man setzt auf defensivere Anlageklassen. Wie man ein Portfolio mit verschiedenen Risikoprofilen konstruiert, wird im Artikel zu ETF Portfolios ausführlich behandelt.

Konzentrationsrisiken und Klumpenbildung

Ein häufig unterschätztes Risiko liegt in der Zusammensetzung mancher Indizes. Nicht jeder Index ist gleichermaßen breit gestreut. Ein DAX-ETF etwa bildet nur 40 deutsche Unternehmen ab – das ist keine wirkliche Diversifikation im globalen Maßstab. Auch bei scheinbar breit aufgestellten Indizes können Klumpenrisiken entstehen.

Der MSCI World beispielsweise ist derzeit stark auf die USA konzentriert, mit einer Gewichtung von etwa 70%. Innerhalb der US-Positionen dominieren wiederum wenige Technologiekonzerne. Die zehn größten Positionen machen teilweise über 20% des gesamten Indexgewichts aus. Fällt dieser Sektor oder geraten diese Unternehmen unter Druck, spürt das der gesamte ETF deutlich.

Ähnliches gilt für Branchen-ETFs oder Themen-ETFs. Ein ETF auf erneuerbare Energien oder künstliche Intelligenz mag interessant klingen, ist aber naturgemäß konzentriert. Regulatorische Änderungen, technologische Durchbrüche von Konkurrenten oder Bewertungskorrekturen in diesem spezifischen Segment treffen das Portfolio mit voller Wucht.

Die Lösung liegt in echter Diversifikation – nicht nur über viele Einzelwerte, sondern auch über Regionen, Sektoren und Unternehmensgrößen hinweg. Wer Klumpenrisiken vermeiden möchte, sollte die Zusammensetzung seines ETF genau prüfen und gegebenenfalls durch zusätzliche Positionen ergänzen. Die systematische Auswahl geeigneter ETFs wird im Artikel zur ETF Auswahl vertieft.

Währungsrisiko bei internationalen Investments

Wer als deutscher Anleger in einen ETF auf den S&P 500 investiert, kauft US-Aktien. Die Kursentwicklung dieser Aktien erfolgt in US-Dollar. Steigt der Dollar gegenüber dem Euro, profitiert man zusätzlich zur Aktienperformance. Fällt der Dollar, schmälert das die Rendite in Euro – selbst wenn die Aktien in Dollar gestiegen sind.

Dieses Währungsrisiko ist bei global anlegenden ETFs allgegenwärtig. Es lässt sich durch währungsgesicherte ETFs – sogenannte hedged ETFs – ausschalten, allerdings zu zusätzlichen Kosten und mit dem Nachteil, dass man auch von positiven Währungsentwicklungen nicht mehr profitiert. Langfristig orientierte Anleger können Währungsschwankungen oft hinnehmen, da sich diese über die Zeit tendenziell ausgleichen. Wer jedoch in absehbarer Zeit größere Summen entnehmen möchte, sollte sich dieses Risikos bewusst sein.

Kontrahentenrisiko bei synthetischen ETFs

Synthetische ETFs, die über Swap-Geschäfte arbeiten, bergen ein zusätzliches Risiko. Der ETF hält nicht direkt die Indexbestandteile, sondern schließt einen Vertrag mit einer Bank ab, die ihm die Indexrendite liefert. Fällt diese Bank aus, kann der ETF Verluste erleiden – auch wenn der Index selbst gestiegen ist.

Dieses Kontrahentenrisiko ist regulatorisch auf 10% des Fondsvermögens begrenzt. In der Praxis überwachen ETF-Anbieter ihre Swap-Partner eng und tauschen Sicherheiten aus, um das Risiko weiter zu minimieren. Dennoch bleibt eine theoretische Restgefahr bestehen. Physisch replizierende ETFs haben dieses Problem nicht, da sie die Wertpapiere tatsächlich halten.

Für Anleger, die das Kontrahentenrisiko ganz vermeiden möchten, sind physische ETFs die bessere Wahl. Bei Standardindizes gibt es kaum Nachteile gegenüber synthetischen Produkten. Wie im Artikel Was sind ETFs? erläutert, können synthetische ETFs bei exotischeren Märkten oder Rohstoff-Indizes Vorteile bieten – dann muss man das Kontrahentenrisiko eben einkalkulieren.

Liquiditätsrisiko und Handelsspannen

Die meisten großen ETFs sind hochliquide und können jederzeit problemlos gekauft oder verkauft werden. Bei kleineren, weniger gehandelten ETFs kann es jedoch zu breiteren Handelsspannen kommen – also größeren Differenzen zwischen Kauf- und Verkaufspreis. Das verteuert Ein- und Ausstiege und kann die Rendite spürbar schmälern.

Besonders in Stressphasen, wenn viele Anleger gleichzeitig verkaufen wollen, können sich Spreads ausweiten. Bei sehr illiquiden ETFs besteht zudem das Risiko, dass der Anbieter den Fonds mangels Rentabilität schließt. In diesem Fall erhält man zwar sein Kapital zurück, muss aber möglicherweise zu einem ungünstigen Zeitpunkt verkaufen und nach Alternativen suchen.

Die Lösung ist relativ einfach: Man sollte ETFs mit ausreichendem Fondsvolumen – idealerweise mehrere Hundert Millionen Euro – bevorzugen. Auch die durchschnittlichen Handelsvolumina geben Aufschluss über die Liquidität. Wer täglich Millionenbeträge bewegt, kann auch bei Nischen-ETFs investieren. Für Privatanleger sind etablierte, liquide Produkte in der Regel die bessere Wahl.

Tracking-Differenz und Replikationsungenauigkeiten

Ein ETF soll seinen Index möglichst exakt abbilden. In der Praxis entsteht jedoch fast immer eine kleine Abweichung – die Tracking-Differenz. Diese resultiert aus den laufenden Kosten des Fonds, aus Transaktionskosten beim Rebalancing, aus steuerlichen Aspekten oder aus der gewählten Replikationsmethode.

Eine negative Tracking-Differenz von 0,1% bis 0,3% pro Jahr ist bei den meisten ETFs normal und im Rahmen der TER kalkuliert. Liegt sie deutlich höher, stimmt möglicherweise etwas nicht – entweder ist der ETF ineffizient konstruiert oder es fallen versteckte Kosten an. Umgekehrt gibt es ETFs, die durch geschickte Wertpapierleihe oder Optimierung eine leicht positive Tracking-Differenz erzielen – also minimal besser abschneiden als der Index.

Anleger sollten die Tracking-Differenz bei der ETF-Auswahl im Blick haben. Sie ist oft aussagekräftiger als die reine TER und zeigt, wie effizient ein ETF tatsächlich arbeitet. Die Zahlen finden sich in den Factsheets der Anbieter oder auf Vergleichsportalen.

Politische und regulatorische Risiken

Weniger offensichtlich, aber dennoch relevant sind politische Risiken. Staatliche Eingriffe, Kapitalverkehrskontrollen, Enteignungen oder massive Regulierungsänderungen können Märkte erschüttern. Wer in Schwellenländer investiert, trägt ein höheres politisches Risiko als bei Investments in stabile Demokratien mit rechtsstaatlichen Strukturen.

Auch steuerliche Änderungen können ETFs betreffen. Die Investmentsteuerreform 2018 in Deutschland etwa hat die Behandlung von thesaurierenden und ausschüttenden ETFs verändert. Künftige Anpassungen sind nie auszuschließen. Solche Änderungen beeinflussen zwar meist nicht die grundsätzliche Funktionsfähigkeit von ETFs, können aber die Rendite nach Steuern schmälern. Details zur aktuellen steuerlichen Behandlung finden sich im Artikel zu ETF & Steuern.

Risikokategorien und Gegenmaßnahmen im Überblick

Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Risiken zusammen und zeigt Möglichkeiten auf, wie man diesen begegnen kann:

Risikokategorie Beschreibung Schweregrad Gegenmaßnahmen
Marktrisiko Kursschwankungen und mögliche Verluste durch Marktentwicklung Hoch Langer Anlagehorizont, Diversifikation über Anlageklassen, schrittweiser Einstieg
Konzentrationsrisiko Zu starke Gewichtung einzelner Regionen, Sektoren oder Werte Mittel bis Hoch Breite Streuung über mehrere ETFs, Indexzusammensetzung prüfen
Währungsrisiko Wechselkursschwankungen bei internationalen Investments Mittel Langfristiger Horizont (Schwankungen gleichen sich aus), ggf. währungsgesicherte ETFs
Kontrahentenrisiko Ausfall der Swap-Gegenpartei bei synthetischen ETFs Gering Physisch replizierende ETFs bevorzugen, regulatorische Begrenzung beachten
Liquiditätsrisiko Geringe Handelbarkeit, breite Spreads, Fondsschließung Gering bis Mittel ETFs mit ausreichendem Volumen wählen (mind. 100 Mio. EUR), etablierte Anbieter
Tracking-Differenz Abweichung zwischen ETF-Performance und Index-Performance Gering ETFs mit niedriger historischer Tracking-Differenz auswählen, TER beachten
Politisches Risiko Staatliche Eingriffe, Regulierungsänderungen, Kapitalkontrollen Gering bis Hoch (je nach Region) Fokus auf stabile Rechtsräume, Schwellenländer nur als Beimischung
Steuerliches Risiko Änderungen in der steuerlichen Behandlung Gering Über steuerliche Entwicklungen informiert bleiben, Freibeträge nutzen

Risikomanagement durch bewusste Portfoliokonstruktion

Die wirksamste Methode, Risiken zu begrenzen, liegt in der durchdachten Zusammenstellung des Portfolios. Wer ausschließlich in hochvolatile Branchen-ETFs oder Schwellenländer investiert, trägt ein höheres Risiko als jemand, der einen breit gestreuten globalen Aktien-ETF mit einem Anleihen-ETF kombiniert.

Auch das regelmäßige Rebalancing hilft, Risiken zu kontrollieren. Wenn eine Anlageklasse stark gestiegen ist und dadurch übergewichtet wurde, erhöht das die Anfälligkeit für Korrekturen. Durch Umschichtung zurück zur ursprünglichen Gewichtung bleibt das Risikoprofil stabil. Wie man ein ausgewogenes Portfolio aufbaut und pflegt, wird im Artikel zu ETF Portfolios vertieft.

Psychologisches Risiko: Der größte Feind ist oft man selbst

Ein oft übersehenes Risiko ist das eigene Verhalten. In Krisenzeiten neigen viele Anleger dazu, aus Panik zu verkaufen – genau dann, wenn die Kurse niedrig sind. Wer hingegen in euphorischen Marktphasen zu viel Risiko eingeht und nachkauft, kann sich übernehmen und in der nächsten Korrektur gezwungen sein, Verluste zu realisieren.

Disziplin und eine klare Strategie sind hier entscheidend. Wer von Anfang an weiß, dass Schwankungen zum Investieren gehören, und wer nur Kapital investiert, das langfristig nicht benötigt wird, kann Krisen besser aussitzen. Auch automatisierte Sparpläne helfen, emotionale Fehlentscheidungen zu vermeiden. Mehr dazu im Artikel zu ETF Sparplänen.

Realistische Einordnung: Risiko ist nicht gleich Gefahr

Risiko bedeutet nicht zwangsläufig, dass etwas schiefgeht. Es bedeutet lediglich, dass verschiedene Szenarien möglich sind – positive wie negative. Wer Risiken kennt und einkalkuliert, kann bewusst entscheiden, welche er eingehen möchte und welche nicht. Ein gewisses Maß an Risiko ist unvermeidlich, wenn man Renditen erzielen möchte. Die Kunst besteht darin, Risiken zu streuen, zu kontrollieren und im Verhältnis zu den Chancen zu bewerten.

ETFs selbst sind dabei weder besonders riskant noch besonders sicher – sie sind ein Vehikel, das die Eigenschaften des zugrunde liegenden Index widerspiegelt. Ein konservativer Anleihen-ETF trägt andere Risiken als ein aggressiver Small-Cap-ETF. Die Auswahl liegt beim Anleger, und mit den richtigen Informationen lässt sich diese Wahl fundiert treffen.

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Nach dieser Analyse der Risikodimensionen empfehlen sich folgende vertiefende Artikel:

ETF Portfolios – Konstruktion eines ausgewogenen Portfolios zur Risikominimierung durch gezielte Diversifikation

ETF & Steuern – Steuerliche Behandlung von ETFs in Deutschland und Optimierungsmöglichkeiten