Wachstumsstrategie

Wachstumsstrategie: Auf die Gewinner von morgen setzen

Die Wachstumsstrategie – im Fachjargon auch Growth Investing genannt – konzentriert sich auf Unternehmen mit überdurchschnittlichem Gewinnwachstum. Statt auf günstige Bewertungen zu achten, steht hier die Zukunftsperspektive im Vordergrund. Man kauft Aktien von Firmen, die ihre Umsätze und Gewinne deutlich schneller steigern als der Marktdurchschnitt, auch wenn die aktuellen Bewertungen bereits ambitioniert erscheinen.

Für Anleger, die an disruptive Technologien, innovative Geschäftsmodelle und exponentielles Wachstum glauben, bietet diese Strategie einen klaren Fokus. Sie richtet sich an jene, die bereit sind, für Zukunftspotenzial einen Aufschlag zu zahlen und die hohe Schwankungen als Preis für überproportionale Renditechancen akzeptieren. Die Strategie erfordert eine ausgeprägte Risikobereitschaft, denn wenn sich die Wachstumserwartungen nicht erfüllen, können die Verluste erheblich sein.

Funktionsweise und Grundprinzip der Strategie

Growth Investing basiert auf der Überzeugung, dass sich überdurchschnittliches Unternehmenswachstum langfristig in steigenden Aktienkursen niederschlagen wird. Entscheidend ist nicht, wie günstig eine Aktie heute bewertet ist, sondern wie stark das Unternehmen in den kommenden Jahren wachsen kann. Wachstumsinvestoren sind bereit, hohe Kurs-Gewinn-Verhältnisse zu akzeptieren, wenn sie davon ausgehen, dass die Gewinne künftig stark steigen werden.

Typische Wachstumsunternehmen finden sich in zukunftsorientierten Branchen. Technologiekonzerne, die Cloud-Dienste oder Software anbieten, gehören ebenso dazu wie Biotechfirmen mit vielversprechenden Medikamentenpipelines, Elektromobilitätspioniere oder Unternehmen im Bereich erneuerbare Energien. Gemeinsam ist diesen Firmen, dass sie oft noch nicht profitabel sind oder ihre Gewinne vollständig reinvestieren, statt Dividenden auszuschütten.

Die Identifikation von Wachstumsaktien erfolgt über verschiedene Kennzahlen. Umsatzwachstumsraten von 20%, 30% oder mehr pro Jahr sind typische Indikatoren. Auch steigende Marktanteile, innovative Produktpipelines und expandierende Geschäftsfelder spielen eine Rolle. Wichtig ist zudem die Skalierbarkeit des Geschäftsmodells – also die Fähigkeit, mit vergleichsweise geringem zusätzlichem Aufwand deutlich mehr Umsatz zu generieren.

Ein Wachstumsportfolio wird in der Regel aktiv gemanagt oder folgt einem Index, der gezielt auf Growth-Kriterien selektiert. Auch über spezialisierte Growth-ETFs lässt sich die Strategie mittlerweile passiv umsetzen. Wichtig ist dabei, dass Wachstumstitel regelmäßig überprüft werden – was gestern noch ein Hochflieger war, kann morgen bereits ins Stocken geraten sein.

Konkrete Umsetzung: Typische Sektorgewichtung in Wachstumsportfolios

Sektor Typische Gewichtung Charakteristik
Technologie 40-50% Software, Cloud, KI, Halbleiter
Gesundheit/Biotech 15-20% Innovative Therapien, Medizintechnik
Konsumgüter 10-15% E-Commerce, digitale Plattformen
Erneuerbare Energien 10-15% Solar, Wind, Elektromobilität

Diese Verteilung verdeutlicht die starke Konzentration auf Technologie und Innovation. Traditionelle Branchen wie Versorger, Telekommunikation oder Basiskonsumgüter spielen in reinen Wachstumsportfolios kaum eine Rolle, da sie zu langsam wachsen. Das führt zu einer deutlich anderen Portfoliostruktur als etwa bei Value- oder Index-Strategien.

Performance-Kennzahlen: Potenzial für Renditen zwischen 10% und 15% jährlich in günstigen Marktphasen

In Phasen, in denen Wachstumsaktien bevorzugt werden, können die Renditen spektakulär ausfallen. Jährliche Zuwächse zwischen 10% und 15%, in Extremphasen sogar 20% oder mehr, sind durchaus möglich. Die Jahre zwischen 2010 und 2021 waren eine Glanzzeit für Growth-Investing – wer konsequent auf Wachstumstitel setzte, konnte sein Vermögen vervielfachen. Über zwanzig Jahre in einem günstigen Zyklus könnten Gesamtrenditen von 573% bis über 1.400% erreicht werden.

Allerdings ist diese Strategie extrem zyklusabhängig. Es gibt auch lange Phasen, in denen Wachstumsaktien deutlich schlechter laufen als der Gesamtmarkt. Nach der Dotcom-Blase um das Jahr 2000 dauerte es über ein Jahrzehnt, bis viele Growth-Portfolios ihre alten Höchststände wieder erreichten. Auch 2022 zeigte sich, wie schnell die Begeisterung kippen kann – steigende Zinsen und Inflationssorgen ließen Wachstumsaktien teils um 50% bis 70% einbrechen.

Der Erfolg hängt also maßgeblich vom Timing und vom Marktumfeld ab. In Niedrigzinsphasen, wenn Zukunftsgewinne hoch bewertet werden, läuft Growth hervorragend. Steigen die Zinsen oder dreht die Stimmung, kann es brutal werden. Wer langfristig dabei bleibt, muss bereit sein, mehrjährige Durststrecken zu durchleben.

Risikoprofil: Hohe Volatilität mit möglichen Drawdowns bis 60%

Wachstumsportfolios gehören zu den volatilsten Aktienstrategien überhaupt. Jährliche Schwankungen von 20% bis 25% sind keine Seltenheit, in turbulenten Zeiten kann es noch heftiger werden. Die hohen Bewertungen machen Growth-Aktien besonders anfällig für Korrekturen – wenn sich die Wachstumserwartungen nicht erfüllen oder sich das Marktumfeld ändert, fallen die Kurse oft brutal.

In schweren Korrekturen können die Verluste dramatisch ausfallen. Rückgänge von 50% bis 60% sind in Crashphasen durchaus möglich, einzelne Titel können sogar 70% oder 80% verlieren. Der Nasdaq, in dem viele Wachstumstitel gelistet sind, fiel während der Dotcom-Blase um über 75%. Auch 2022 erlebten viele ehemals gefeierte Wachstumsaktien Einbrüche von 60% oder mehr.

Ein zusätzliches Risiko liegt in der Bewertungsabhängigkeit. Wachstumsaktien werden oft mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen von 40, 50 oder sogar über 100 gehandelt. Manche Unternehmen sind noch gar nicht profitabel und werden rein anhand von Umsatzmultiplikatoren bewertet. Wenn sich die Marktmeinung ändert oder die Zinsen steigen, können diese Bewertungen rapide zusammenbrechen – selbst wenn das operative Geschäft weiterhin gut läuft.

Vorteile der Strategie

Der größte Vorteil liegt im Renditepotenzial. Wer früh auf die richtigen Wachstumstitel setzt, kann außergewöhnliche Gewinne erzielen. Amazon, Apple, Tesla oder Nvidia sind Beispiele für Aktien, die Anlegern über Jahre hinweg Renditen im drei- oder vierstelligen Prozentbereich beschert haben. Solche Erfolgsgeschichten sind mit defensiven Value-Titeln oder breiten Indizes kaum zu erreichen.

Wachstumsunternehmen gestalten zudem oft die Zukunft aktiv mit. Wer in solche Firmen investiert, setzt auf Innovation, Disruption und technologischen Fortschritt. Das kann nicht nur finanziell befriedigend sein, sondern auch emotional – man ist Teil von Entwicklungen, die die Welt verändern. Viele Growth-Investoren schätzen genau diesen Aspekt.

Die Strategie profitiert zudem überproportional von bestimmten Marktphasen. In Niedrigzinsumfeldern, wenn Anleger nach Rendite suchen, fließt besonders viel Kapital in Wachstumstitel. Auch demografische Trends wie die Digitalisierung oder der Klimawandel spielen Growth-Portfolios in die Hände, da genau diese Themen im Fokus stehen.

Nachteile und Risiken

Die extreme Volatilität ist der offensichtlichste Nachteil. Wachstumsportfolios können in kurzer Zeit dramatisch an Wert verlieren, was psychologisch extrem belastend ist. Viele Anleger verkaufen genau in solchen Momenten – aus Angst oder Frustration – und verpassen damit die spätere Erholung. Die Strategie erfordert stahlharte Nerven und die Fähigkeit, auch durch tiefe Täler zu gehen.

Ein weiteres Problem liegt in der Bewertungsfalle. Hohe Erwartungen sind bereits in den Kursen eingepreist – enttäuscht ein Unternehmen auch nur leicht, kann die Reaktion brutal ausfallen. Selbst wenn das Wachstum weitergeht, aber langsamer als erhofft, werden Growth-Aktien oft abgestraft. Die Gefahr, zu teuer einzusteigen, ist allgegenwärtig.

Auch die Sektorkonzentration birgt Risiken. Wachstumsportfolios sind oft extrem technologielastig. Sollte dieser Sektor unter Druck geraten – etwa durch Regulierung, geopolitische Spannungen oder technologische Rückschläge –, leidet das gesamte Portfolio. Die fehlende Diversifikation über defensive Sektoren macht die Strategie anfällig für sektorspezifische Krisen.

Nicht zuletzt gibt es das Risiko gescheiterter Wachstumsversprechen. Nicht jedes innovative Unternehmen schafft es, seine Visionen umzusetzen. Biotechfirmen scheitern an klinischen Studien, Tech-Startups verbrennen Kapital ohne profitabel zu werden, disruptive Geschäftsmodelle erweisen sich als nicht skalierbar. Solche Pleiten gehören zum Growth-Investing dazu und können einzelne Positionen komplett auslöschen.

Anlegerprofil: Für wen ist die Wachstumsstrategie geeignet?

Die Wachstumsstrategie eignet sich für Anleger mit hoher Risikobereitschaft und der Fähigkeit, extreme Schwankungen emotional zu verkraften. Sie passt zu jenen, die an technologischen Fortschritt und Innovation glauben und bereit sind, dafür einen Aufschlag zu zahlen. Ein langer Anlagehorizont von mindestens zehn bis fünfzehn Jahren ist wichtig, um Korrekturen aussitzen zu können.

Besonders geeignet ist die Strategie für jüngere Anleger, die noch Jahrzehnte Zeit haben und Rückschläge verkraften können. Auch für Anleger, die bereits über eine solide Vermögensbasis verfügen und einen Teil ihres Kapitals spekulativ einsetzen möchten, kann Growth-Investing als Satellitenposition interessant sein. Wichtig ist, dass man sich für die Branchen und Technologien wirklich interessiert – blinder Hype ist gefährlich.

Weniger geeignet ist die Strategie für konservative Anleger, die Kapitalerhalt priorisieren, oder für jene kurz vor dem Ruhestand. Die hohen Schwankungen passen nicht zu einem defensiven Ansatz. Auch Anleger, die kurzfristig auf ihr Geld zugreifen müssen, sollten die Finger von reinen Wachstumsportfolios lassen – das Risiko, genau in einer Korrektur verkaufen zu müssen, ist zu groß. Ein Mindestkapital ist nicht erforderlich, allerdings sollte man bei Einzelaktien genug investieren können, um ein diversifiziertes Portfolio aus mindestens zehn verschiedenen Wachstumstiteln aufzubauen. Alternativ bieten Growth-ETFs einen einfacheren Zugang zur Strategie.