Faktor-Investing
- Faktor-Investing: Systematisch auf wissenschaftlich belegte Renditequellen setzen
- Funktionsweise und Grundprinzip der Strategie
- Konkrete Umsetzung: Typische Faktor-Allokation in Multi-Faktor-Portfolios
- Performance-Kennzahlen: Erwartete Überrendite von 1% bis 3% jährlich gegenüber dem Markt
- Risikoprofil: Moderate bis hohe Volatilität mit Drawdowns bis 45% je nach Faktor-Mix
- Vorteile der Strategie
- Nachteile und Risiken
- Anlegerprofil: Für wen ist Faktor-Investing geeignet?
Faktor-Investing: Systematisch auf wissenschaftlich belegte Renditequellen setzen
Faktor-Investing verfolgt einen wissenschaftlich fundierten Ansatz, um den Markt langfristig zu schlagen. Statt auf Einzelaktienauswahl oder Market Timing zu setzen, konzentriert sich die Strategie auf bestimmte Unternehmensmerkmale – sogenannte Faktoren –, die historisch nachweislich zu Überrenditen geführt haben. Diese Faktoren sind statistisch belegt und wurden in zahlreichen akademischen Studien untersucht und bestätigt.
Für Anleger, die einen systematischen, regelbasierten Ansatz bevorzugen und dabei von Erkenntnissen der Kapitalmarktforschung profitieren möchten, bietet Faktor-Investing eine überzeugende Strategie. Sie richtet sich an jene, die mehr als die Marktrendite erzielen wollen, aber nicht auf aktives Stock-Picking oder komplexe Analysen setzen möchten. Die Strategie erfordert eine moderate bis höhere Risikobereitschaft sowie die Geduld, auch längere Phasen der Underperformance durchzustehen.
Funktionsweise und Grundprinzip der Strategie
Die Grundlage des Faktor-Investing bildet die Erkenntnis, dass bestimmte Unternehmenseigenschaften langfristig mit höheren Renditen einhergehen. Diese sogenannten Faktoren wurden erstmals in den 1990er Jahren von den Ökonomen Eugene Fama und Kenneth French systematisch beschrieben und haben seither die Finanzwelt nachhaltig beeinflusst. Die bekanntesten und am besten dokumentierten Faktoren sind Value, Momentum, Size, Quality und Low Volatility.
Der Value-Faktor setzt auf günstig bewertete Unternehmen mit niedrigen Kurs-Gewinn- oder Kurs-Buchwert-Verhältnissen. Der Size-Faktor bevorzugt kleinere Unternehmen, die historisch höhere Renditen erzielt haben als große Konzerne. Quality konzentriert sich auf profitable, stabil wachsende Firmen mit soliden Bilanzen. Momentum favorisiert Aktien, die in der jüngeren Vergangenheit gut gelaufen sind, während Low Volatility auf wenig schwankende Titel setzt.
Die Umsetzung erfolgt typischerweise über Faktor-ETFs oder Multi-Faktor-Portfolios. Diese Produkte gewichten Aktien nicht nach Marktkapitalisierung, sondern nach der Ausprägung der jeweiligen Faktoren. Ein Value-ETF etwa hält überwiegend günstig bewertete Titel, ein Quality-ETF konzentriert sich auf profitable Unternehmen mit stabilen Geschäftsmodellen. Multi-Faktor-Ansätze kombinieren mehrere Faktoren, um die Chancen zu streuen und nicht von einem einzelnen Faktor abhängig zu sein.
Entscheidend ist die langfristige Perspektive. Faktoren funktionieren nicht in jedem Quartal oder Jahr – es gibt Phasen, in denen sie deutlich hinter dem Markt zurückbleiben. Über längere Zeiträume von zehn oder zwanzig Jahren sollten sie jedoch ihre Überrendite ausspielen, so zumindest die Theorie.
Konkrete Umsetzung: Typische Faktor-Allokation in Multi-Faktor-Portfolios
| Faktor | Gewichtung | Zielsetzung |
|---|---|---|
| Value | 25% | Günstige Bewertungen nutzen |
| Quality | 25% | Stabile, profitable Unternehmen |
| Momentum | 20% | Von Kurstrends profitieren |
| Size | 15% | Kleinere Unternehmen übergewichten |
| Low Volatility | 15% | Schwankungen reduzieren |
Diese Aufteilung ist beispielhaft – die konkrete Gewichtung hängt von der individuellen Risikobereitschaft und den Überzeugungen des Anlegers ab. Manche setzen nur auf einen oder zwei Faktoren, andere kombinieren alle verfügbaren. Wichtig ist, dass die Faktoren unterschiedlich auf Marktphasen reagieren und sich dadurch teilweise gegenseitig ausgleichen können.
Performance-Kennzahlen: Erwartete Überrendite von 1% bis 3% jährlich gegenüber dem Markt
Historische Studien zeigen, dass Faktor-Portfolios über sehr lange Zeiträume eine Überrendite von etwa 1% bis 3% pro Jahr gegenüber marktkapitalisierungsgewichteten Indizes erzielen konnten. Das klingt zunächst bescheiden, summiert sich aber über Jahrzehnte zu erheblichen Unterschieden. Bei einer Basisrendite von 8% würde eine zusätzliche Überrendite von 2% über zwanzig Jahre aus 100.000 Euro statt 466.000 Euro etwa 573.000 Euro machen – ein Unterschied von über 100.000 Euro.
Allerdings ist diese Überrendite keineswegs garantiert. Es gibt lange Phasen, in denen Faktoren nicht funktionieren oder sogar hinter dem Markt zurückbleiben. Der Value-Faktor etwa hatte zwischen 2007 und 2020 eine ausgedehnte Schwächephase, während Growth-Titel dominierten. Anleger, die in diesem Zeitraum auf Value setzten, mussten erhebliche Geduld aufbringen. Über die gesamte Historie hinweg zeigten sich die Faktorprämien jedoch relativ stabil.
Die tatsächliche Performance hängt stark davon ab, welche Faktoren man wählt und wie diese miteinander kombiniert werden. Ein reines Value-Portfolio kann in manchen Dekaden fantastisch laufen und in anderen enttäuschen. Multi-Faktor-Ansätze glätten diese Schwankungen, verzichten aber möglicherweise auf Spitzenrenditen einzelner Faktoren in deren besten Zeiten.
Risikoprofil: Moderate bis hohe Volatilität mit Drawdowns bis 45% je nach Faktor-Mix
Das Risikoprofil von Faktor-Portfolios variiert stark je nach gewähltem Faktor. Ein Low-Volatility-Portfolio weist naturgemäß geringere Schwankungen auf als ein Size- oder Momentum-Portfolio. Im Durchschnitt bewegt sich die Volatilität von Faktor-Strategien im Bereich von 15% bis 20% jährlich, ähnlich wie beim breiten Aktienmarkt oder leicht darüber.
In schweren Krisen können die Verluste allerdings erheblich ausfallen. Small-Cap-Faktoren oder Momentum-Strategien erlebten in Crashphasen teils Einbrüche von 40% bis 50%. Value-Portfolios litten besonders in der Finanzkrise 2008, als viele scheinbar günstige Finanzwerte kollabierten. Die maximalen Drawdowns hängen also stark vom Faktor-Mix ab – defensive Kombinationen mit Quality und Low Volatility fallen moderater aus, aggressive Mischungen mit Size und Momentum schwanken deutlich stärker.
Ein zusätzliches Risiko liegt in der sogenannten Faktor-Crowding. Wenn zu viele Investoren dieselbe Faktor-Strategie verfolgen, können die Prämien verschwinden oder sich sogar umkehren. Manche Experten warnen, dass die zunehmende Popularität von Faktor-ETFs genau diesen Effekt haben könnte. Bisher lässt sich das empirisch nicht eindeutig bestätigen, aber das Risiko bleibt bestehen.
Vorteile der Strategie
Der zentrale Vorteil liegt in der wissenschaftlichen Fundierung. Faktor-Investing basiert nicht auf Bauchgefühl oder Marktmeinungen, sondern auf jahrzehntelanger akademischer Forschung. Die Faktoren wurden in verschiedenen Märkten, Zeiträumen und Regionen getestet und haben sich dabei als relativ robust erwiesen. Das gibt der Strategie eine solide theoretische Grundlage.
Die Umsetzung ist zudem systematisch und transparent. Man weiß genau, nach welchen Kriterien investiert wird, und kann die Performance nachvollziehen. Es gibt keine Black Box, keine undurchsichtigen Managemententscheidungen. Durch die Verfügbarkeit von Faktor-ETFs ist die Strategie mittlerweile auch für Privatanleger kostengünstig und einfach umsetzbar.
Ein weiterer Vorteil liegt in der Diversifikation über verschiedene Renditequellen. Statt nur von der allgemeinen Marktentwicklung abhängig zu sein, setzt man zusätzlich auf spezifische Faktoren. Das kann in bestimmten Marktphasen zu Überrenditen führen und bietet eine breitere Streuung der Risiken. Auch die Möglichkeit, Faktoren je nach Überzeugung zu kombinieren, gibt Flexibilität.
Nachteile und Risiken
Der offensichtlichste Nachteil liegt in der nicht garantierten Überrendite. Nur weil Faktoren historisch funktioniert haben, heißt das nicht, dass sie auch künftig funktionieren werden. Es gibt durchaus Phasen, die ein Jahrzehnt oder länger dauern können, in denen Faktor-Strategien hinter dem breiten Markt zurückbleiben. Wer in solchen Zeiträumen einsteigt und nicht durchhält, verpasst möglicherweise die späteren Erträge.
Die höheren Kosten im Vergleich zu Standard-ETFs sind ein weiteres Problem. Während ein MSCI-World-ETF oft unter 0,2% Gebühren kostet, liegen Faktor-ETFs typischerweise bei 0,3% bis 0,5% oder mehr. Auch das häufigere Rebalancing, das viele Faktor-Strategien erfordern, verursacht Transaktionskosten und potenzielle Steuern. Diese Kosten können die erwartete Überrendite erheblich schmälern.
Ein strukturelles Risiko liegt in der Faktor-Definition selbst. Es gibt keine einheitliche Definition, wie Value, Quality oder Momentum genau gemessen werden sollen. Verschiedene Indexanbieter verwenden unterschiedliche Methoden, was zu teils deutlich abweichenden Ergebnissen führt. Was der eine als Value-Aktie einstuft, kann nach anderer Definition bereits Growth sein.
Auch die Gefahr des Data Mining sollte nicht unterschätzt werden. Manche neueren Faktoren könnten einfach statistische Zufallsprodukte sein, die in historischen Daten gut aussehen, aber keine echte ökonomische Logik haben. Je mehr Faktoren identifiziert werden, desto größer wird das Risiko, dass manche davon nicht robust sind. Die klassischen Faktoren wie Value, Momentum und Size gelten als relativ sicher, bei exotischeren Faktoren ist Vorsicht geboten.
Anlegerprofil: Für wen ist Faktor-Investing geeignet?
Faktor-Investing eignet sich für Anleger, die an die Erkenntnisse der Kapitalmarktforschung glauben und bereit sind, einen systematischen Ansatz zu verfolgen. Die Strategie passt zu jenen, die mehr als die Marktrendite erzielen möchten, aber nicht auf aktives Stock-Picking setzen wollen. Ein langfristiger Anlagehorizont von mindestens zehn, besser fünfzehn Jahren ist wichtig, um Phasen der Underperformance durchstehen zu können.
Besonders geeignet ist die Strategie für Anleger, die sich für Finanzmarkttheorie interessieren und verstehen möchten, warum bestimmte Ansätze funktionieren. Auch für jene, die ihr Portfolio bewusst strukturieren und nicht einfach nur passiv in breite Indizes investieren wollen, kann Faktor-Investing interessant sein. Die Strategie bietet einen Mittelweg zwischen komplett passivem Indexing und aktivem Management.
Weniger geeignet ist Faktor-Investing für Anleger, die kurzfristige Ergebnisse erwarten oder die nicht bereit sind, jahrelange Phasen zu durchleben, in denen die Strategie hinter dem Markt zurückbleibt. Auch für Einsteiger ohne Grundverständnis der zugrundeliegenden Konzepte ist die Strategie problematisch – wer nicht versteht, warum er in bestimmte Faktoren investiert, wird bei der ersten Underperformance aussteigen. Wer maximale Einfachheit sucht, fährt mit einem simplen MSCI-World-ETF womöglich besser. Ein bestimmter Kapitalbedarf besteht nicht, allerdings sollte man bei Verwendung mehrerer Faktor-ETFs genug investieren können, um die Transaktionskosten im Verhältnis zum Portfolio gering zu halten.