Rentenlücke

Rentenlücke: Wie groß ist die Versorgungslücke wirklich?

Die Rentenlücke ist kein abstraktes Konzept aus Versicherungsbroschüren, sondern eine konkrete finanzielle Realität, mit der sich die meisten Arbeitnehmer früher oder später auseinandersetzen müssen. Der Begriff bezeichnet die Differenz zwischen dem letzten Nettoeinkommen vor dem Ruhestand und den tatsächlich verfügbaren Einkünften im Alter. Diese Lücke entsteht nicht durch individuelle Fehler, sondern ist strukturell bedingt durch das sinkende Rentenniveau und die demografische Entwicklung.

Wer heute 40 Jahre alt ist und ein durchschnittliches Einkommen von 45.000 Euro brutto jährlich bezieht, kann bei 45 Beitragsjahren mit einer gesetzlichen Rente von etwa 1.400 Euro rechnen. Das Nettoeinkommen liegt derzeit bei rund 2.450 Euro monatlich. Die Rentenlücke beträgt damit über 1.000 Euro pro Monat – und das ohne Berücksichtigung der Inflation, die den realen Wert der Rente weiter schmälern wird.

Das Rentenniveau: Ein schleichender Abstieg

Das Rentenniveau, also das Verhältnis der Standardrente zum durchschnittlichen Arbeitsentgelt, liegt derzeit bei etwa 48%. In den 1980er Jahren waren es noch deutlich über 50%. Die Bundesregierung hat festgelegt, dass das Rentenniveau bis 2025 nicht unter 48% sinken soll. Was danach kommt, ist offen. Demografische Prognosen lassen wenig Spielraum für Optimismus: Immer weniger Beitragszahler müssen immer mehr Rentner finanzieren.

Die Standardrente ist dabei ein theoretischer Wert, der von einem Durchschnittsverdiener mit 45 Beitragsjahren ausgeht. In der Realität erreichen viele Menschen diese 45 Jahre nicht. Studienzeiten, Arbeitslosigkeit, Teilzeitarbeit, Kindererziehung oder Selbstständigkeit ohne Rentenversicherungspflicht führen dazu, dass die tatsächlichen Rentenansprüche oft deutlich niedriger ausfallen als die Standardrente.

Bruttojahreseinkommen Erwartete monatliche Rente nach 45 Jahren Rentenlücke bei 80% des Nettoeinkommens
30.000 Euro ca. 950 Euro ca. 650 Euro
45.000 Euro ca. 1.400 Euro ca. 1.050 Euro
60.000 Euro ca. 1.850 Euro ca. 1.450 Euro
75.000 Euro ca. 2.200 Euro ca. 1.900 Euro

Die Zahlen in der Tabelle sind Näherungswerte und können je nach individueller Erwerbsbiografie variieren. Sie verdeutlichen aber eines: Je höher das Einkommen im Erwerbsleben, desto größer die absolute Rentenlücke. Gleichzeitig sinkt die relative Versorgung – Gutverdiener erhalten prozentual weniger von ihrem letzten Einkommen als Durchschnittsverdiener, da die gesetzliche Rentenversicherung durch die Beitragsbemessungsgrenze gedeckelt ist.

Inflation: Der unsichtbare Feind der Altersvorsorge

Die Rentenlücke wird durch die Inflation zusätzlich verschärft. Zwar werden die Renten regelmäßig angepasst, doch diese Anpassungen erfolgen oft mit zeitlicher Verzögerung und nicht immer in vollem Umfang der Preissteigerungen. Wer heute seine zukünftige Rente berechnet, erhält eine Zahl in heutigen Euro. Was diese Zahl in 20 oder 30 Jahren wert sein wird, hängt von der Inflationsentwicklung ab.

Bei einer durchschnittlichen Inflation von 2% jährlich halbiert sich die Kaufkraft in etwa 35 Jahren. Eine heute berechnete Rente von 1.500 Euro entspricht dann nur noch einer Kaufkraft von etwa 750 Euro in heutiger Währung. Das bedeutet: Selbst wenn die nominale Rentenlücke 1.000 Euro beträgt, kann die reale Lücke in der Zukunft deutlich größer ausfallen, wenn die Rentenanpassungen nicht mit der Inflation Schritt halten.

Diese Dynamik wird oft unterschätzt. Viele Menschen konzentrieren sich auf die nominale Höhe ihrer zukünftigen Rente und vergessen, dass die entscheidende Größe die Kaufkraft ist. Ein einfaches Rechenbeispiel: Wer heute mit 40 Jahren eine Rente von 1.500 Euro in 27 Jahren erwartet, sollte nicht mit diesem Betrag planen, sondern mit etwa 900 Euro in heutiger Kaufkraft – vorausgesetzt, die Inflation liegt im Durchschnitt bei 2% pro Jahr.

Individuelle Faktoren: Warum die Lücke größer sein kann als gedacht

Die Rentenlücke ist keine statische Größe, die für alle gleich ist. Sie hängt von zahlreichen individuellen Faktoren ab, die oft erst auf den zweiten Blick sichtbar werden.

Erwerbsbiografie: Nicht jeder arbeitet 45 Jahre durchgehend in Vollzeit. Studienzeiten werden nur teilweise angerechnet, Arbeitslosigkeitsphasen schmälern die Rentenansprüche, und Teilzeitarbeit führt zu geringeren Beiträgen. Wer mehrere Jahre selbstständig war und nicht freiwillig in die Rentenversicherung eingezahlt hat, steht im Alter oft vor erheblichen Versorgungslücken.

Familienplanung: Kindererziehungszeiten werden zwar angerechnet, aber nur in begrenztem Umfang. Wer für mehrere Jahre aus dem Beruf aussteigt oder in Teilzeit arbeitet, um sich um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige zu kümmern, sammelt in dieser Zeit deutlich weniger Rentenpunkte.

Scheidung: Bei einer Scheidung werden die während der Ehe erworbenen Rentenansprüche geteilt. Der besserverdienende Partner muss in der Regel einen Teil seiner Ansprüche an den anderen Partner abgeben. Das kann die eigene Versorgung erheblich schmälern, insbesondere wenn man nicht rechtzeitig gegensteuert.

Gesundheit: Wer aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in Rente gehen muss, erleidet oft doppelte Einbußen: Zum einen fehlen Beitragsjahre, zum anderen werden Abschläge fällig. Pro Jahr des vorzeitigen Renteneintritts werden 3,6% der Rente dauerhaft gekürzt. Wer zwei Jahre früher geht, verliert also 7,2% seiner Rente – lebenslang.

Die psychologische Dimension: Warum wir die Lücke verdrängen

Obwohl die Zahlen eindeutig sind, fällt es vielen Menschen schwer, die Rentenlücke als persönliches Problem zu akzeptieren. Das hat psychologische Gründe. Der Ruhestand liegt weit in der Zukunft, und das menschliche Gehirn ist schlecht darin, langfristige Bedrohungen zu bewerten. Was heute nicht unmittelbar drängt, wird aufgeschoben.

Hinzu kommt die Komplexität des Themas. Rentenberechnungen, Inflationserwartungen, Kapitalmarktrenditen – all das sind Größen, die mit Unsicherheit behaftet sind. Diese Unsicherheit führt oft dazu, dass Menschen das Thema lieber ganz meiden, anstatt sich damit auseinanderzusetzen. Doch Ignoranz schützt nicht vor den finanziellen Konsequenzen im Alter.

Ein weiterer Faktor ist die Hoffnung auf staatliche Lösungen. Viele glauben, dass die Politik schon irgendwie für ausreichende Renten sorgen wird. Doch die demografische Realität lässt kaum Spielraum. Es ist unrealistisch zu erwarten, dass die gesetzliche Rente in Zukunft einen deutlich höheren Lebensstandard sichern wird als heute prognostiziert.

Konkrete Beispiele: Was die Rentenlücke bedeutet

Zahlen werden greifbarer, wenn man sie an konkreten Fällen durchspielt. Nehmen wir drei typische Szenarien:

Szenario 1: Der Angestellte mit Durchschnittseinkommen

Markus ist 35 Jahre alt, arbeitet als Sachbearbeiter und verdient 48.000 Euro brutto jährlich. Sein Nettoeinkommen liegt bei etwa 2.600 Euro monatlich. Nach 45 Beitragsjahren kann er mit einer gesetzlichen Rente von etwa 1.500 Euro rechnen. Um seinen Lebensstandard zu halten, benötigt er etwa 2.100 Euro (80% des Nettoeinkommens). Die Rentenlücke beträgt 600 Euro monatlich. Über 25 Jahre Ruhestand summiert sich das auf 180.000 Euro – ohne Inflation. Mit Inflation gerechnet benötigt er eher 250.000 bis 300.000 Euro zusätzliches Kapital.

Szenario 2: Die Teilzeitbeschäftigte mit Kindererziehungszeiten

Julia ist 42 Jahre alt, hat zwei Kinder großgezogen und arbeitet seit 15 Jahren in Teilzeit. Ihr Bruttoeinkommen liegt bei 28.000 Euro jährlich, das Nettoeinkommen bei etwa 1.700 Euro. Durch die Teilzeitarbeit und die Jahre der Kindererziehung kann sie nur mit einer gesetzlichen Rente von etwa 900 Euro rechnen. Um ihren Lebensstandard zu halten, benötigt sie mindestens 1.400 Euro monatlich. Die Rentenlücke beträgt 500 Euro, was über 25 Jahre etwa 150.000 Euro entspricht – ebenfalls ohne Inflationsberücksichtigung.

Szenario 3: Der Selbstständige ohne Rentenversicherung

Thomas ist 45 Jahre alt, selbstständiger Grafiker und hat nie in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt. Sein Einkommen schwankt, liegt im Durchschnitt aber bei etwa 55.000 Euro netto jährlich. Da er keine Ansprüche aus der gesetzlichen Rente hat, beträgt seine Versorgungslücke 100% seines benötigten Alterseinkommens. Bei einem angestrebten monatlichen Einkommen von 3.500 Euro im Alter benötigt er über 25 Jahre mindestens 1,05 Millionen Euro – ohne Inflation. Realistisch sollte er mit einem Bedarf von 1,5 Millionen Euro rechnen.

Strategien zum Schließen der Rentenlücke

Die gute Nachricht ist: Die Rentenlücke lässt sich schließen, wenn man frühzeitig beginnt und systematisch vorgeht. Der eigenverantwortliche Vermögensaufbau ist dabei der effektivste Weg.

ETF-Sparpläne als Grundlage

Ein breit gestreuter ETF-Sparplan bildet die Basis einer soliden Altersvorsorge. Wer monatlich 400 Euro investiert und über 30 Jahre eine durchschnittliche Rendite von 7% erzielt, verfügt am Ende über etwa 490.000 Euro. Bei einer Entnahmerate von 4% jährlich entspricht das einer monatlichen Zusatzrente von etwa 1.630 Euro, ohne dass das Kapital vollständig aufgebraucht wird.

Die Vorteile von ETFs liegen auf der Hand: niedrige Kosten, breite Diversifikation, hohe Flexibilität. Im Gegensatz zu klassischen Rentenversicherungen oder Riester-Verträgen behält man die volle Kontrolle über sein Geld. Die Sparrate kann jederzeit angepasst werden, und im Notfall kann auf das Kapital zugegriffen werden, ohne dass Strafzahlungen oder der Verlust von Förderungen drohen.

Betriebliche Altersvorsorge nutzen

Die betriebliche Altersvorsorge ist dann sinnvoll, wenn der Arbeitgeber einen nennenswerten Zuschuss leistet. Zahlt der Arbeitgeber beispielsweise 50% der Beiträge, erhält man praktisch eine sofortige Rendite von 50% auf die eigenen Einzahlungen. Allerdings sollte man die Kosten und die Flexibilitätseinbußen im Blick behalten. Bei einem Arbeitgeberwechsel können Ansprüche verloren gehen oder nur teilweise mitgenommen werden.

Immobilien als Altersvorsorge

Ein abbezahltes Eigenheim kann die Rentenlücke erheblich verringern, da im Alter keine Miete mehr gezahlt werden muss. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass auch ein Eigenheim laufende Kosten verursacht: Instandhaltung, Grundsteuer, Versicherungen. Diese Kosten liegen typischerweise bei etwa 1,5 bis 2% des Immobilienwerts pro Jahr. Trotzdem: Wer sein Eigenheim bis zum Rentenbeginn abbezahlt hat, spart sich mehrere hundert Euro Miete monatlich und reduziert damit seine Rentenlücke spürbar.

Strategie Monatlicher Aufwand Erwartetes Zusatzkapital nach 30 Jahren Monatliche Entnahme (4%)
ETF-Sparplan (200 Euro) 200 Euro ca. 245.000 Euro ca. 815 Euro
ETF-Sparplan (400 Euro) 400 Euro ca. 490.000 Euro ca. 1.630 Euro
ETF-Sparplan (600 Euro) 600 Euro ca. 735.000 Euro ca. 2.450 Euro

Warum Riester und Rürup oft nicht die Lösung sind

Riester- und Rürup-Verträge werden häufig als Lösung für die Rentenlücke beworben. Doch ein genauer Blick zeigt: Die staatliche Förderung wird oft durch hohe Kosten zunichte gemacht. Abschlusskosten von mehreren tausend Euro, jährliche Verwaltungsgebühren von 1,5% oder mehr und die Garantieverpflichtungen, die die Anbieter zu extrem konservativen Anlagestrategien zwingen, führen dazu, dass die Rendite nach Kosten oft kaum über null liegt.

Hinzu kommt die fehlende Flexibilität. Riester-Kapital ist bis zum Renteneintritt faktisch gesperrt. Wer früher an sein Geld möchte, muss Förderungen zurückzahlen und erleidet in der Regel erhebliche Verluste. Bei Rürup-Verträgen ist die Situation noch drastischer: Das eingezahlte Kapital ist komplett unverfügbar und kann nicht vererbt werden. Stirbt der Versicherte vor Rentenbeginn, ist das Geld in vielen Fällen verloren.

Für die meisten Menschen ist der eigenverantwortliche Vermögensaufbau mit ETFs die bessere Alternative. Die Rendite ist höher, die Kosten niedriger, und die Flexibilität maximal. Wer dennoch steuerliche Vorteile nutzen möchte, kann einen Teil seines Kapitals in Rürup investieren, sollte aber den Großteil eigenverantwortlich anlegen.

Die Rolle der Lebenserwartung: Mehr Jahre im Ruhestand

Ein oft übersehener Aspekt ist die steigende Lebenserwartung. Wer heute 67 Jahre alt wird, hat statistisch noch etwa 20 Jahre vor sich. Viele Menschen werden deutlich älter. Das bedeutet: Die Rentenlücke muss über einen längeren Zeitraum finanziert werden als früher. Wer mit 67 in Rente geht und 90 Jahre alt wird, benötigt 23 Jahre lang zusätzliches Einkommen. Bei einer monatlichen Lücke von 1.000 Euro sind das 276.000 Euro.

Diese Entwicklung verschärft das Problem. Frühere Generationen hatten im Durchschnitt eine kürzere Rentenphase zu finanzieren. Heute müssen wir davon ausgehen, dass wir 20 bis 25 Jahre oder länger im Ruhestand verbringen. Das erfordert entweder ein höheres Kapital bei Rentenbeginn oder die Bereitschaft, später länger zu arbeiten.

Realistische Einschätzung: Was ist machbar?

Nicht jeder kann monatlich 500 oder 600 Euro für die Altersvorsorge zurücklegen. Doch auch kleinere Beträge machen einen Unterschied. Wer mit 35 Jahren beginnt und monatlich 200 Euro investiert, verfügt mit 67 Jahren über etwa 245.000 Euro – bei einer durchschnittlichen Rendite von 7%. Das entspricht einer monatlichen Zusatzrente von etwa 815 Euro und schließt damit einen erheblichen Teil der Rentenlücke.

Das Wichtigste ist der Anfang. Auch wer nur 100 Euro monatlich investieren kann, sollte beginnen. Diese Summe lässt sich später erhöhen, wenn das Einkommen steigt. Viele Menschen machen den Fehler zu warten, bis sie “genug” Geld übrig haben. Doch dieser Zeitpunkt kommt selten von selbst. Wer wartet, verliert wertvolle Jahre, in denen der Zinseszinseffekt hätte wirken können.

Fazit: Die Rentenlücke ist real, aber nicht unüberwindbar

Die Rentenlücke ist keine theoretische Bedrohung, sondern eine finanzielle Realität, die fast jeden betrifft. Wer sich nicht frühzeitig damit auseinandersetzt, wird im Alter mit erheblichen Einschnitten konfrontiert sein. Doch die Lücke lässt sich schließen – durch systematisches Sparen, kluge Anlageentscheidungen und die Bereitschaft, die Verantwortung für die eigene Altersvorsorge zu übernehmen.

Je früher man beginnt, desto einfacher wird es. Wer mit 30 Jahren anfängt, monatlich einen überschaubaren Betrag zu investieren, kann mit realistischer Aussicht darauf rechnen, seinen Lebensstandard im Alter zu halten. Wer dagegen wartet, bis es vermeintlich passt, wird später deutlich höhere Beträge aufbringen müssen – oder sich mit weniger zufriedengeben müssen.

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