Altersvorsorge
- Altersvorsorge planen: Der strategische Rahmen für den Ruhestand
- Warum systematische Planung der Schlüssel ist
- Die vier Phasen einer realistischen Altersvorsorgeplanung
- Konkrete Zahlen: Was ist realistisch erreichbar?
- Fehler vermeiden: Was bei der Planung schiefgehen kann
- Wann externe Beratung sinnvoll ist
- Der Faktor Zeit: Warum frühes Handeln entscheidend ist
- Flexibilität bewahren: Warum starre Pläne scheitern
- Fazit: Planung ist kein Hexenwerk, aber unverzichtbar
Altersvorsorge planen: Der strategische Rahmen für den Ruhestand
Die meisten Menschen wissen, dass sie für das Alter vorsorgen sollten. Viele wissen auch ungefähr, dass die gesetzliche Rente nicht ausreichen wird. Doch zwischen diesem diffusen Wissen und einem konkreten Plan klafft oft eine erhebliche Lücke. Wer heute mit der Planung seiner Altersvorsorge beginnt, steht vor einer Aufgabe, die zunächst komplex erscheint, aber eigentlich auf einige wenige, grundlegende Schritte heruntergebrochen werden kann.
Das Kernproblem ist nicht die Komplexität der verfügbaren Anlageprodukte oder die Unübersichtlichkeit des Rentenrechts. Das Kernproblem ist eher die Verdrängung. Man weiß, dass man handeln sollte, schiebt es aber auf. Morgen. Nächsten Monat. Nächstes Jahr. Die Folgen dieser Aufschieberitis sind messbar: Wer zehn Jahre später mit dem Vermögensaufbau beginnt, muss entweder deutlich höhere monatliche Beträge investieren oder sich mit einem niedrigeren Endkapital zufriedengeben. Bei einer angenommenen jährlichen Rendite von 7% macht der Unterschied zwischen einem Start mit 30 und einem Start mit 40 Jahren etwa 50% des Endkapitals aus.
Warum systematische Planung der Schlüssel ist
Altersvorsorge lässt sich nicht improvisieren. Wer ohne Plan vorgeht, verteilt sein Geld möglicherweise ineffizient auf verschiedene Produkte, zahlt unnötig hohe Gebühren oder unterschätzt die tatsächlich benötigte Summe. Eine strukturierte Planung hilft dabei, realistische Ziele zu definieren, die verfügbaren Ressourcen zu ermitteln und einen klaren Fahrplan zu entwickeln.
Der erste Schritt besteht darin, den eigenen Status quo zu ermitteln. Wie hoch sind die zu erwartenden Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung? Existieren bereits Ansprüche aus einer betrieblichen Altersvorsorge? Welche privaten Rücklagen sind vorhanden? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich die tatsächliche Rentenlücke ermitteln.
Viele Arbeitnehmer überschätzen ihre gesetzliche Rente erheblich. Die Renteninformation, die die Deutsche Rentenversicherung jährlich verschickt, zeigt zwar einen Betrag – aber dieser ist nicht inflationsbereinigt und basiert auf der Annahme, dass das bisherige Gehaltsniveau bis zum Renteneintritt konstant bleibt. In der Realität sinkt die Kaufkraft der Rente durch Inflation, und Gehaltseinbußen oder Arbeitslosigkeitsphasen verringern die Rentenansprüche zusätzlich.
Die vier Phasen einer realistischen Altersvorsorgeplanung
Eine fundierte Planung gliedert sich in vier aufeinanderfolgende Phasen. Dass man diese Schritte systematisch durchgeht. Dass man sich die Zeit nimmt, jede Phase sorgfältig zu durchdenken. Dass man nicht versucht, Abkürzungen zu nehmen oder auf halbgare Lösungen zu setzen.
Phase 1: Bestandsaufnahme und Zielsetzung
Zunächst gilt es, eine ehrliche Bestandsaufnahme vorzunehmen. Wie viel Geld wird im Ruhestand tatsächlich benötigt? Eine häufig genannte Faustregel lautet, dass etwa 80% des letzten Nettoeinkommens ausreichen sollten, um den Lebensstandard zu halten. Diese Zahl ist jedoch mit Vorsicht zu genießen. Wer im Alter reisen, kulturelle Angebote nutzen oder Hobbys nachgehen möchte, benötigt möglicherweise mehr. Wer dagegen sparsam lebt und sein Eigenheim abbezahlt hat, kommt eventuell mit weniger aus.
Eine realistische Zielformulierung berücksichtigt auch, dass sich die Ausgaben im Laufe des Ruhestands verändern. In den ersten Jahren nach dem Erwerbsende sind viele Menschen noch aktiv und geben mehr Geld für Reisen oder Unternehmungen aus. Mit zunehmendem Alter sinken diese Ausgaben oft, während gleichzeitig Kosten für Gesundheit und Pflege steigen können.
| Lebensphase | Typische monatliche Ausgaben | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Aktive Rentenphase (65-75 Jahre) | 2.500 bis 3.500 Euro | Reisen, Hobbys, kulturelle Aktivitäten |
| Mittlere Rentenphase (75-85 Jahre) | 2.000 bis 2.800 Euro | Weniger Reisen, höhere Gesundheitskosten |
| Späte Rentenphase (85+ Jahre) | 2.200 bis 3.500 Euro | Deutlich höhere Pflege- und Gesundheitskosten |
Phase 2: Rentenlücke berechnen
Sobald der Bedarf ermittelt ist, folgt die Berechnung der Versorgungslücke. Die Berechnung der zu erwartenden Rente erfordert etwas Aufwand, ist aber unverzichtbar. Die gesetzliche Rentenversicherung bietet mit der jährlichen Renteninformation eine erste Orientierung. Ergänzend sollten Ansprüche aus betrieblicher Altersvorsorge, Riester- oder Rürup-Verträgen sowie vorhandene Kapitalanlagen erfasst werden.
Ein Beispiel: Ein 45-jähriger Angestellter mit einem Bruttoeinkommen von 60.000 Euro jährlich kann laut Renteninformation mit etwa 1.750 Euro gesetzlicher Rente rechnen. Hinzu kommen 200 Euro aus einer betrieblichen Altersvorsorge. Sein Nettoeinkommen liegt bei etwa 3.200 Euro, 80% davon wären 2.560 Euro. Die Rentenlücke beträgt damit rund 610 Euro monatlich.
Diese Lücke klingt zunächst überschaubar. Doch über 25 Jahre Ruhestand summiert sie sich auf rund 183.000 Euro – und das ohne Berücksichtigung der Inflation, die den realen Wert der gesetzlichen Rente weiter schmälert. Um diese Lücke zu schließen, muss entweder zusätzliches Kapital angespart werden oder es sind regelmäßige Entnahmen aus einem Kapitalstock erforderlich.
Phase 3: Strategiewahl und Produktauswahl
Die Wahl der richtigen Strategie hängt von mehreren Faktoren ab: vom Zeithorizont bis zum Rentenbeginn, von der persönlichen Risikobereitschaft, von steuerlichen Überlegungen und von der gewünschten Flexibilität. Wer noch 20 oder mehr Jahre bis zur Rente hat, kann einen höheren Aktienanteil in seinem Portfolio verantworten. Wer nur noch zehn Jahre Zeit hat, sollte eher auf konservativere Anlagen setzen.
Die klassischen Produkte der zweiten Säule – Riester- und Rürup-Verträge, fondsgebundene Rentenversicherungen – sind nur bedingt empfehlenswert. Zwar bieten sie steuerliche Vorteile und staatliche Zulagen, doch die Kosten sind oft erheblich. Die Rendite liegt nach Abzug der Gebühren häufig deutlich unter dem, was mit einem selbst verwalteten ETF-Sparplan erreichbar wäre. Hinzu kommt die geringe Flexibilität: Riester-Verträge etwa sind im Wesentlichen unantastbar bis zum Renteneintritt. Wer früher an sein Geld möchte, muss Förderungen zurückzahlen und erleidet in der Regel Verluste.
Deutlich flexibler und kostengünstiger ist der eigenverantwortliche Vermögensaufbau mit ETFs. Ein breit gestreuter Aktien-ETF auf den MSCI World oder den FTSE All-World bildet eine solide Basis. Ergänzt werden kann dies durch Anleihen-ETFs zur Risikominderung oder durch thematische Beimischungen. Die Gesamtkostenquote liegt bei den meisten ETFs unter 0,2% jährlich, es fallen keine Abschlussgebühren an, und die Flexibilität ist maximal. Sparpläne lassen sich jederzeit anpassen, pausieren oder erhöhen.
Wer sich nicht selbst um die Verwaltung seines Portfolios kümmern möchte, kann auf Robo-Advisor zurückgreifen. Diese digitalen Vermögensverwalter erstellen auf Basis weniger Angaben ein diversifiziertes Portfolio und passen es automatisch an Marktentwicklungen an. Die Kosten liegen zwar höher als bei reinen ETF-Sparplänen, aber deutlich unter denen klassischer Vermögensverwalter.
Phase 4: Umsetzung und kontinuierliche Anpassung
Die beste Planung nützt nichts, wenn sie nicht umgesetzt wird. Der vierte Schritt besteht darin, die gewählte Strategie konsequent in die Tat umzusetzen. Das bedeutet: einen Sparplan einrichten, die monatliche Rate festlegen und – das ist entscheidend – dabei bleiben, auch wenn die Märkte schwanken.
Viele Anleger machen den Fehler, in Phasen fallender Kurse ihre Sparpläne zu pausieren oder gar ihre Anlagen zu verkaufen. Doch genau das Gegenteil ist richtig. Wer kontinuierlich investiert, profitiert vom Cost-Average-Effekt: Bei niedrigen Kursen werden automatisch mehr Anteile gekauft, bei hohen Kursen weniger. Über die Zeit gleichen sich die Einstiegspreise aus, und die Durchschnittskosten sinken.
Gleichzeitig sollte die Planung nicht in Stein gemeißelt sein. Regelmäßige Überprüfungen – etwa einmal jährlich – sind sinnvoll. Hat sich die Einkommenssituation verändert? Sind die Annahmen zur Rentenlücke noch realistisch? Passt die Asset-Allokation noch zur verbleibenden Zeit bis zum Ruhestand? Solche Fragen sollten gestellt und die Strategie bei Bedarf angepasst werden.
Konkrete Zahlen: Was ist realistisch erreichbar?
Zahlen machen die Planung greifbar. Ein 35-jähriger Anleger, der monatlich 400 Euro in einen global diversifizierten ETF investiert und eine durchschnittliche jährliche Rendite von 7% erzielt, verfügt mit 67 Jahren über ein Kapital von etwa 513.000 Euro. Bei einer Entnahmerate von 4% jährlich – ein in der Literatur oft zitierter Richtwert – entspricht das einer monatlichen Zusatzrente von rund 1.710 Euro, ohne dass das Kapital aufgezehrt wird.
Wer erst mit 45 Jahren beginnt, muss für das gleiche Ergebnis deutlich mehr investieren. Um auf dieselben 513.000 Euro zu kommen, wären monatlich etwa 1.150 Euro erforderlich. Das ist für viele kaum realisierbar. Hier zeigt sich, wie wichtig ein früher Start ist.
| Alter bei Start | Monatliche Sparrate | Kapitalsumme mit 67 | Monatliche Entnahme (4%) |
|---|---|---|---|
| 25 Jahre | 200 Euro | 518.000 Euro | 1.727 Euro |
| 35 Jahre | 400 Euro | 513.000 Euro | 1.710 Euro |
| 45 Jahre | 1.150 Euro | 513.000 Euro | 1.710 Euro |
Diese Zahlen basieren auf einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von 7%, die historisch für breit gestreute Aktienportfolios realistisch ist. Allerdings sind sie keine Garantie. Märkte schwanken, und es kann durchaus Phasen geben, in denen die Rendite deutlich niedriger oder negativ ausfällt. Wer konservativ plant, sollte mit einer Rendite von 5 bis 6% rechnen und entsprechend höhere Sparraten ansetzen.
Fehler vermeiden: Was bei der Planung schiefgehen kann
Planung ist nicht immun gegen Fehler. Einige der häufigsten Fallstricke lassen sich jedoch vermeiden, wenn man sich ihrer bewusst ist.
Ein verbreiteter Fehler ist es, die Inflation zu ignorieren. Wer heute berechnet, dass er im Alter 2.500 Euro monatlich benötigt, muss berücksichtigen, dass diese Summe in 30 Jahren deutlich weniger wert sein wird. Bei einer durchschnittlichen Inflation von 2% jährlich entsprechen 2.500 Euro in 30 Jahren nur noch einer Kaufkraft von etwa 1.375 Euro. Das bedeutet: Entweder muss das Zielkapital entsprechend höher angesetzt werden, oder man akzeptiert einen niedrigeren Lebensstandard im Alter.
Ein weiterer Fehler besteht darin, auf vermeintlich sichere, aber renditelose Produkte zu setzen. Wer sein gesamtes Kapital auf einem Sparbuch oder Tagesgeldkonto parkt, schützt sich zwar vor Kursschwankungen, verliert aber real Geld durch die Inflation. Bei einem Zinssatz von 1% und einer Inflation von 2% beträgt die reale Rendite minus 1% pro Jahr. Über Jahrzehnte summiert sich dieser Verlust zu beträchtlichen Summen.
Auch übermäßige Vorsicht kann kontraproduktiv sein. Wer aus Angst vor Verlusten ausschließlich in konservative Anleihen investiert, verschenkt langfristig erhebliche Renditemöglichkeiten. Zumindest in der Ansparphase, also in den Jahren vor dem Renteneintritt, sollte ein angemessener Aktienanteil im Portfolio vorhanden sein. Mit zunehmendem Alter kann dieser dann schrittweise reduziert werden, um das Risiko zu senken.
Wann externe Beratung sinnvoll ist
Nicht jeder fühlt sich in der Lage, seine Altersvorsorge vollständig selbst zu planen. In solchen Fällen kann eine unabhängige Finanzberatung hilfreich sein. Wichtig ist dabei das Wort unabhängig. Provisionsgetriebene Berater, die von den Versicherungen und Fondsgesellschaften bezahlt werden, haben naturgemäß ein Interesse daran, teure Produkte zu verkaufen.
Eine Honorarberatung, bei der der Berater ausschließlich durch den Kunden bezahlt wird, ist in der Regel neutraler. Die Kosten liegen zwar im dreistelligen Bereich pro Stunde, dafür erhält man eine Beratung, die tatsächlich im eigenen Interesse erfolgt. Für eine umfassende Altersvorsorgeplanung sollte man mit einem Zeitaufwand von drei bis fünf Stunden rechnen, also mit Gesamtkosten zwischen 900 und 1.500 Euro. Das ist eine einmalige Investition, die sich über die Jahre auszahlt, wenn dadurch teure Fehlentscheidungen vermieden werden.
Der Faktor Zeit: Warum frühes Handeln entscheidend ist
Zeit ist beim Vermögensaufbau der wichtigste Faktor. Der Zinseszinseffekt entfaltet seine volle Wirkung nur über lange Zeiträume. Wer mit 25 Jahren beginnt, hat 42 Jahre bis zum Renteneintritt. Wer erst mit 45 Jahren anfängt, hat nur noch 22 Jahre. Diese 20 Jahre Unterschied sind massiv.
Ein Rechenbeispiel verdeutlicht das: Wer mit 25 Jahren monatlich 200 Euro investiert und eine jährliche Rendite von 7% erzielt, hat mit 67 Jahren etwa 518.000 Euro angespart. Wer dagegen erst mit 45 Jahren anfängt, erreicht mit der gleichen monatlichen Sparrate nur rund 111.000 Euro. Um auf das gleiche Endkapital zu kommen, müssten die monatlichen Einzahlungen auf etwa 1.150 Euro erhöht werden.
Dieser Effekt ist nicht linear. Je früher man beginnt, desto stärker profitiert man vom Zinseszins. Das bedeutet auch: Selbst kleine Beträge machen einen Unterschied, wenn sie über viele Jahre hinweg investiert werden. Wer meint, 50 oder 100 Euro monatlich seien zu wenig, um damit anzufangen, unterschätzt die Macht der Zeit.
Flexibilität bewahren: Warum starre Pläne scheitern
Eine gute Altersvorsorgeplanung ist kein starres Korsett, sondern ein flexibles Gerüst. Das Leben verläuft selten nach Plan. Krankheiten, Jobverlust, Scheidung, unerwartete Erbschaften – all das kann die finanzielle Situation grundlegend verändern. Wer seine Vorsorgestrategie zu eng auf eine bestimmte Annahme zuschneidet, läuft Gefahr, bei unerwarteten Entwicklungen in Schwierigkeiten zu geraten.
Flexibilität bedeutet auch, dass man nicht alles auf eine Karte setzen sollte. Eine Kombination aus verschiedenen Bausteinen – etwa ETF-Sparplan, Eigenheim als Altersvorsorge, eventuell ein kleiner Anteil an direkten Aktieninvestments – sorgt für eine breitere Diversifikation und mehr Handlungsspielraum.
Gleichzeitig sollte man bereit sein, die Strategie anzupassen, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern. Steigt das Einkommen, kann die Sparrate erhöht werden. Sinkt das Einkommen, kann sie vorübergehend reduziert werden. Wichtig ist, dass man überhaupt dabei bleibt und nicht vollständig aussetzt. Selbst in finanziell angespannten Phasen sollte zumindest ein minimaler Betrag weiter investiert werden, um den psychologischen Effekt des kontinuierlichen Sparens zu erhalten.
Fazit: Planung ist kein Hexenwerk, aber unverzichtbar
Altersvorsorge zu planen erfordert kein Studium der Finanzwissenschaften. Es erfordert vor allem drei Dinge: den Willen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, die Bereitschaft, unangenehme Wahrheiten über die eigene finanzielle Situation zu akzeptieren, und die Disziplin, den einmal gefassten Plan konsequent umzusetzen.
Wer diese drei Voraussetzungen mitbringt, hat gute Chancen, seinen Lebensstandard im Alter zu halten. Wer hingegen die Planung aufschiebt oder sich auf staatliche Lösungen verlässt, wird später mit hoher Wahrscheinlichkeit mit erheblichen Einschnitten konfrontiert sein. Die Rentenlücke lässt sich nicht wegdiskutieren – sie lässt sich nur durch frühzeitiges und systematisches Handeln schließen.
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