Kapitalmarktanalyse: wie performen Börsen in Kriegszeiten und worauf sollten Anleger achten?

Die Märkte sind in Aufruhr, die Nachrichten überschlagen sich, und in jedem Finanzforum der Welt stellt sich gerade dieselbe Frage: Raus aus Aktien? In den sicheren Hafen? Abwarten?

Wer diese Entscheidung aus dem Bauch heraus trifft, macht wahrscheinlich einen Fehler. Denn wir haben Daten. Jahrzehnte davon. Und die erzählen eine Geschichte, die den meisten Anlegern heute vermutlich überraschend vorkommen wird… manchmal sogar kontraintuitiv.

Dieser Artikel wertet historische Kapitalmarktdaten aus vier der größten Konflikte des 20. Jahrhunderts aus – vom Zweiten Weltkrieg bis zum Golfkrieg – und zieht daraus konkrete Schlüsse für die aktuelle Lage.

Nicht als Garantie, nicht als Anlageberatung.

Aber als das, was gute Kapitalmarktanalyse leisten kann: einen Kompass, wenn die Orientierung verloren geht.

Am Ende des Artikels stellen wir für drei Anlegertypen grundsätzliche Anlagestrategien vor:

  • Der konservative Anleger: Kapitalerhalt in inflationären Zeiten
  • Der wachstumsorientierte Anleger: Historisch seltene Gelegenheiten nutzen
  • Der spekulative Anleger: Taktische Chancen in einem volatilen Umfeld

 

Was die Märkte gerade bewegt

Ende Februar 2026 begann im Nahen Osten ein Konflikt, der die globalen Finanzmärkte sofort schwer belastete. Anfang April wendete sich das Blatt: Die USA und der Iran einigten sich auf einen zweiwöchigen Waffenstillstand – inklusive der Wiedereröffnung der strategisch wichtigen Straße von Hormuz.

Die Reaktion der Märkte war kaum zu übersehen: Der DAX stieg zeitweise um über 5% auf über 24.000 Punkte:

 

DAX Chart

 

Der Ölpreis (Brent) brach um bis zu 16% ein und fiel wieder unter 100 US-Dollar pro Barrel.

 

Brent Öl Chart

 

Waffenstillstand, Kursfeuerwerk, Hoffnung.

Aber: Die Friedensgespräche in Islamabad laufen noch, der Ausgang ist offen, und die Lage bleibt fragil.

Genau in solchen Momenten – zwischen Erleichterung und Unsicherheit – treffen Anleger die schlechtesten Entscheidungen.

Oder eben die besten.

Daher sollte man als Anleger vorbereitet sein.

 

 

Was 90 Jahre Kapitalmarktgeschichte lehren

Die nachfolgende Tabelle fasst Rendite- und Risikowerte der wichtigsten Anlageklassen zusammen – sowohl im langfristigen Durchschnitt von 1926 bis 2013 als auch differenziert nach den vier großen Konflikten des vergangenen Jahrhunderts.

 

Anlageklasse Ø 1926–2013 Ø Alle Kriege 2. Weltkrieg Koreakrieg Vietnamkrieg Golfkrieg
Large-Cap Aktien (Rendite) 10,0% 11,4% 16,9% 18,7% 6,4% 11,7%
Large-Cap Aktien (Risiko) 19,0% 12,8% 13,8% 11,1% 12,1% 19,4%
Small-Cap Aktien (Rendite) 11,6% 13,8% 32,8% 15,4% 7,3% -1,2%
Small-Cap Aktien (Risiko) 27,2% 20,1% 21,0% 12,7% 21,1% 27,5%
Langfristige Anleihen (Rendite) 5,6% 2,2% 3,2% -1,1% 1,9% 12,5%
Langfristige Anleihen (Risiko) 8,4% 6,4% 1,9% 3,0% 8,1% 8,4%
5-J. Staatsanleihen (Rendite) 5,3% 3,7% 1,8% 0,7% 4,7% 12,5%
Bargeld (Rendite) 3,5% 3,3% 0,3% 1,5% 4,9% 7,0%
Inflation 3,0% 4,4% 5,2% 3,8% 4,1% 4,7%

 

Aktien in Kriegszeiten – das überraschende Ergebnis

Das vielleicht kontraintitivste Ergebnis dieser Auswertung: Aktien performen in Kriegszeiten im Durchschnitt besser als im langfristigen Mittel – und das bei gleichzeitig geringerem Risiko. Large-Cap-Aktien erzielten während aller betrachteten Kriege im Schnitt 11,4% Rendite, gegenüber 10,0% im langfristigen Durchschnitt.

Die Volatilität lag dabei bei nur 12,8% – deutlich unter dem historischen Wert von 19,0%.

Small-Cap-Aktien lieferten im Kriegsdurchschnitt sogar 13,8%.

 

Langfristige Renditen im Vergleich

 

 

Anleihen hingegen enttäuschten.

Langfristige Anleihen erzielten in Kriegszeiten durchschnittlich nur 2,2% – weit unter dem historischen Wert von 5,6%. Der Grund liegt eben in der erhöhten Kriegsinflation: Während die Inflation langfristig bei 3,0% liegt, stieg sie in Kriegszeiten auf durchschnittlich 4,4%.

Festverzinsliche Anleihen verlieren in solchen inflationären Umfeldern real an Wert – manchmal sogar nominal, wie der Koreakrieg zeigt, wo langfristige Anleihen mit -1,1% ins Minus rutschten.

 

Nicht jeder Krieg ist gleich – die Unterschiede entscheiden

Der Blick auf die einzelnen Konflikte zeigt, dass pauschale Aussagen hier wenig helfen.

Im Zweiten Weltkrieg – einem totalen Krieg mit massiver Industriemobilisierung – explodierten Small-Cap-Aktien auf 32,8% Rendite pro Jahr.

Im Koreakrieg dominierten Large-Caps mit 18,7%. Im Golfkrieg, der kurz war und die Ölversorgung direkt betraf, glänzten ausgerechnet Anleihen mit 12,5% – begünstigt durch die anschließenden Zinssenkungen der Fed.

 

Renditen nach Konflikt

 

Die aktuelle Situation im Nahen Osten weist strukturell Parallelen zum Golfkrieg auf: Ein ölpreissensitiver, zunächst auf eine Region begrenzter Konflikt, der von einer Großmacht militärisch eingegrenzt wird.

Der entscheidende Unterschied: Das geopolitische Gewicht des Iran und die zeitweise Blockade der Straße von Hormuz verleihen dem Konflikt eine breitere wirtschaftliche Dimension, als sie 1990/91 gegeben war.

 

Das Risiko-Rendite-Profil – was das Diagramm wirklich sagt

In Kriegszeiten verschiebt sich das Risiko-Rendite-Profil von Aktien nach oben links: höhere Rendite, geringeres Risiko. Anleihen hingegen rutschen nach unten – niedrigere Rendite bei ähnlichem oder gar höherem Risiko. Wer in Kriegszeiten reflexartig aus Aktien flieht und in Anleihen umschichtet, tauscht historisch gesehen das bessere Profil gegen das schlechtere.

 

Risiko-Rendite-Profil – Langfristig vs. Kriegszeiten

 

Die aktuelle Lage: Chancen und Risiken abseits der Schlagzeilen

Der fragile Waffenstillstand schafft ein Szenario mit zwei klar getrennten Ausgängen. Bei einer dauerhaften Deeskalation bietet sich das, was Marktbeobachter als „Friedensdividende“ bezeichnen: Die jüngste Marktrallye nach der Waffenruhe zeigt, wie viel Aufholpotenzial noch in den Kursen steckt – besonders in europäischen Titeln, die als besonders energiepreissensitiv gelten.

Sollten die Friedensgespräche in Islamabad scheitern und der Konflikt erneut eskalieren, droht ein neuer Ölpreisschock mit entsprechenden Folgen für Inflationserwartungen und Zentralbankpolitik. Eine spürbare Abwärtskorrektur der Unternehmensgewinnprognosen für den weiteren Jahresverlauf 2026 wäre in diesem Szenario kaum zu vermeiden.

Technologie- und KI-Werte wurden in der Panikphase des März abgestraft, obwohl ihr struktureller Wachstumstrend von der geopolitischen Lage im Grunde unberührt bleibt. Gerade hier, so die vorherrschende Meinung vieler Analysten, entstehen in solchen Phasen langfristige Einstiegschancen.

Es gibt allerdings auch eine Gegenposition, die man zumindest kennen sollte:

Einige Marktbeobachter sehen die aktuelle Erholung als verfrüht.

Wer den Konflikt für strukturell unterschätzt hält – größeres regionales Eskalationspotenzial, Auswirkungen auf Lieferketten, verschleppte Inflationseffekte – schichtet eher in defensive Werte und Rohstofftitel um, statt die Rallye mitzumachen. Die Einschätzungen liegen hier weit auseinander, und das ist eben auch Teil der aktuellen Marktlage.

 

Grundsätzliche Anlageempfehlungen für drei Anlegertypen

 

Der konservative Anleger: Kapitalerhalt in inflationären Zeiten

Für konservative Anleger ist die aktuelle Phase besonders herausfordernd. Anleihen bieten zwar nominale Sicherheit, verlieren aber real an Wert, sobald die Inflation – wie historisch in Kriegszeiten üblich – über die Nominalrenditen steigt. Bargeld ist noch schlechter positioniert.

Die Daten zeigen klar: Auch wer auf Sicherheit setzt, kommt an einer gewissen Aktienquote in defensiven Sektoren nicht vorbei.

 

Anlageklasse Einschätzung Begründung
Defensive Aktien (Basiskonsumgüter, Gesundheit, Versorger) ✅ Geeignet Stabile Erträge, geringe Konjunkturabhängigkeit
Inflationsgebundene Anleihen (TIPS, Linker) ✅ Geeignet Schutz vor kriegsbedingter Inflation
Gold (Beimischung 5–10%) ✅ Geeignet Klassischer sicherer Hafen, Währungsschutz
Kurzlaufende Staatsanleihen (< 2 Jahre) ⚠️ Bedingt Geringes Zinsrisiko, aber realer Kaufkraftverlust möglich
Langfristige nominale Anleihen ❌ Ungeeignet Historisch schwach in Kriegszeiten (Ø 2,2%)
Bargeld ❌ Ungeeignet Realer Kaufkraftverlust bei Inflation über 4%

 

Der wachstumsorientierte Anleger: Historisch seltene Gelegenheiten nutzen

Für wachstumsorientierte Anleger mit einem Horizont von fünf Jahren und mehr bietet die aktuelle Marktlage eine Möglichkeit, die die Datenlage historisch klar stützt: Wer in Kriegszeiten in Qualitätsaktien investiert hat, wurde langfristig belohnt – in vier von vier untersuchten Konflikten lagen Aktien über dem langfristigen Inflationsniveau.

Die Friedensdividende der jüngsten Rallye hat dabei, gemessen an historischen Vergleichszeiträumen, wohl erst begonnen.

 

Anlageklasse Einschätzung Begründung
Globale Aktien-ETFs
(MSCI World, S&P 500)
✅ Geeignet Breite Diversifikation, historisch starke Kriegsrenditen (Ø 11,4%)
Qualitäts-Technologieaktien ✅ Geeignet Struktureller Wachstumstrend ungebrochen, in Panikphase abgestraft
Europäische Aktien ✅ Geeignet Hohes Aufwärtspotenzial bei sinkenden Energiepreisen und dauerhaftem Frieden
Energieaktien

(ExxonMobil, Chevron)

⚠️ Bedingt Nach Waffenruhe unter Druck; sinnvoll nur als Absicherung gegen erneute Eskalation
Small-Cap-ETFs ⚠️ Bedingt Hohes Renditepotenzial (Ø 13,8%), aber deutlich höheres Risiko
Langfristige Anleihen ❌ Ungeeignet Historisch schwach in inflationären Kriegsphasen

 

 

Der spekulative Anleger: Taktische Chancen in einem volatilen Umfeld

Für erfahrene Anleger mit hoher Risikotoleranz und aktivem Portfoliomanagement bietet das aktuelle Umfeld taktische Möglichkeiten – erfordert aber konsequentes Risikomanagement und Szenariodisziplin.

Die Marktlage belohnt gerade jene, die zwischen den beiden zentralen Szenarien klar unterscheiden und ihr Portfolio entsprechend ausrichten können.

 

Anlageklasse Einschätzung Begründung
Small-Cap-Aktien (antizyklisch) ✅ Geeignet Historisch höchste Kriegsrenditen (Ø 13,8%), besonders bei Kriegsende
Chinesische Aktien ⚠️ Bedingt Einige Analysten sehen China als Profiteur bei Eskalation im Nahen Osten – abseits des Mainstreams, aber eine These, die man kennen sollte; geopolitische Risiken (Handelskonflikte, Zölle) bleiben erheblich
Öl- und Energiederivate ⚠️ Bedingt Hohe Volatilität durch Nachrichtenlage; geeignet für erfahrene Trader mit engem Risikomanagement
Rüstungsaktien ⚠️ Bedingt Haben durch Waffenruhe Momentum verloren; Absicherung gegen Scheitern der Gespräche
Langfristige Anleihen und Cash ❌ Ungeeignet Historisch schlechteste Performer in Kriegszeiten; trotzdem sollte man aus reinen Sicherheitsgründen natürlich immer ein gutes Cash-Polster haben!

 

Was die Daten sagen – und was sie nicht sagen

Neunzig Jahre Kapitalmarktgeschichte liefern eine klare Botschaft: Aktien sind in Kriegszeiten die überlegene Anlageklasse – höhere Renditen als im langfristigen Durchschnitt, und das bei gleichzeitig geringerem Risiko. Anleihen enttäuschen in inflationären Kriegsphasen regelmäßig.

Wer reflexartig flieht, verlässt das historisch betrachtet bessere Profil.

Aber – und das ist wichtig – Daten aus vergangenen Konflikten sind kein Fahrplan. Jeder Krieg ist anders, jede Marktkonstellation einmalig. Die aktuelle Situation trägt Züge des Golfkriegs, hat aber eine eigene Dynamik. Wer das beherzigt und trotzdem strukturiert vorgeht, ist wohl besser positioniert als derjenige, der aus dem Bauch heraus entscheidet.

Geduld, ein klarer Plan und die Bereitschaft, in Phasen der Panik nicht zu kapitulieren – das waren auch in vergangenen Krisen die entscheidenden Faktoren.

Das hat sich, zumindest historisch, nicht geändert.

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