Interview mit Prof. Dr. Stefan May, Quirin Privatbank, über die aktuelle Gold- & Silber-Rallye, US-Zölle und warum Marktprognosen nicht funktionieren
David Ernsting, Kapitalanlagen-Test Chefredakteur, im Interview mit Prof. Dr. Stefan May, Leiter der Produktentwicklung und Anlagestrategie bei der Quirin Privatbank, über die jüngsten Kurskapriolen bei Gold und Silber, die wirtschaftlichen Auswirkungen der US-Zölle auf Deutschland und warum Marktprognosen wissenschaftlich betrachtet reinste Spekulation sind.
Herr Professor May, Gold notiert aktuell bei fast 5.000 USD, Silber knapp unter 100 USD – beides historische Höchststände. Was sind aus Ihrer Sicht die hauptsächlichen Treiber dieser Rallye, und wie nachhaltig ist diese Entwicklung?
Speziell für Gold gibt es natürlich immer einen gewissen Bodensatz an Nachfrage, welcher die Kurse stützt. Ich denke da zum Beispiel an die Zentralbanken aber auch an die indische Schmuckindustrie. Die Kurse werden aber in der Regel davon getrieben, was über diesen Bodensatz an „normaler” Nachfrage hinausgeht oder auch wegbricht. Und darüber kann man im wahrsten Sinne des Wortes nur spekulieren.
Selbstverständlich lassen sich im Nachhinein immer plausible Begründungen für eine beobachtete Entwicklung finden. Die haben jedoch ein hohes Maß an Beliebigkeit. Dazu kommt ein starker Anteil an rein spekulativer Nachfrage, die überhaupt nicht einschätzbar ist. Letztlich sind die Kurse nicht prognostizierbar, insbesondere nicht kurz- und mittelfristig. Das zeigen übrigens auch so gut wie alle empirischen wissenschaftlichen Studien.
Wie unberechenbar speziell Gold- und Silberpreise sind, hat sich bei den jüngsten Entwicklungen gezeigt. Nachdem Gold am 28. Januar bei über 5.500 US-Dollar stand, ist es in nur einer Woche um 15% gefallen und stand am 5. Februar bei 4.700 US-Dollar. Mittlerweile hat es sich wieder um 7% erholt.
Beim Silber waren die Bewegungen noch heftiger: 117 US-Dollar am 28. Januar, dann um 43% auf 67 US-Dollar gefallen und mittlerweile wieder um 12% zugelegt. Wer bitte soll das voraussehen?
Ob ich die Entwicklung als nachhaltig einschätze? Eindeutig Nein.
Sehen Sie Gold und Silber mittelfristig weiter auf diesem Niveau oder erwarten Sie Korrekturen? Welche Faktoren könnten die Preise wieder drücken?
Wie gesagt, die Korrektur hat ja schon stattgefunden. So konkret erwartet habe ich sie natürlich nicht, ich bin ja kein Hellseher. Das so etwas aber jederzeit passieren kann, war mir klar. Denn es ist eben für Kurse typisch, die fast ausschließlich spekulativ getrieben sind.
US-Präsident Trump hat zusätzliche Zölle gegen Deutschland und weitere EU-Länder angekündigt. Wie bewerten Sie die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Maßnahmen auf die europäische und speziell die deutsche Wirtschaft?
Was die Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft anbelangt so macht eine pauschalisierende Einschätzung in diesem Zusammenhang wenig Sinn, denn die verschiedenen Länder der Europäischen Union sind in unterschiedlichem Maße von den Zoll-Kapriolen des amerikanischen Präsidenten betroffen. Darum möchte ich an dieser Stelle nur über Deutschland sprechen.
Und hier hat sich 2025 gezeigt, dass Deutschland offenbar in der Lage ist, sich teilweise aus der Abhängigkeit Amerikas als seinem bisher wichtigsten Exportmarkt zu lösen.
Die Exporte in die USA sind im Jahr 2025 um rund 10% eingebrochen, das gesamte Exportvolumen hat jedoch zugelegt.
Deutschland ist es also gelungen, die Lücke, welche der Wegfall der Exporte in die USA gerissen hat durch Exporte in andere Länder zu ersetzen – insbesondere innerhalb Europas.
Man kann nur hoffen, dass das auch 2026 gelingt.
Welche Branchen und Unternehmen im DAX dürften von den Zöllen besonders betroffen sein? Sehen Sie auch Profiteure dieser Entwicklung?
Langfristig gibt es keine Profiteure von Zöllen. Kurzfristig profitieren natürlich US-Unternehmen, denen dadurch die lästige Konkurrenz aus dem Ausland vom Hals geschafft wird. Aber wie gesagt, langfristig sind Zollbarrieren für alle schädlich – auch für US-Unternehmen.
Was speziell Deutschland betrifft, so sind es natürlich vor allem unsere exportlastigen Branchen, die darunter leiden, angeführt von der Automobilindustrie mit 17% Exportanteil, gefolgt vom Maschinenbau (14%) und der Chemieindustrie (9%).
Auf welche volkswirtschaftlichen oder markttechnischen Signale sollten Anleger in diesem Umfeld besonders achten? Gibt es Frühwarnindikatoren, die auf stärkere Verwerfungen hindeuten könnten?
Wenn damit irgendwelche Ein- oder Ausstiegssignale für die Aktienmärkte oder sonstige Finanzmärkte gemeint sind, die auch wirklich funktionieren: solche gibt es leider nicht.
Wenn es um die volkswirtschaftliche Situation eines Landes geht, dann ist nach meiner Überzeugung der beste Indikator immer noch die Quote aus Investitionstätigkeit eines Landes und seinem Leistungsbilanzdefizit. Denn die zeigt uns an, inwieweit Länder ihre Verschuldung produktiv einsetzen. Je größer also dieser Wert ist, desto besser.
Bei Ländern mit einem Leistungsbilanzüberschuss wie Deutschland würde ich auf das Investitionsvolumen insgesamt und auf die Quote von privaten zu öffentlichen Investitionen schauen. Auch da sind größer Werte besser als geringe.
Wie reagieren die Märkte typischerweise auf solche geopolitischen Unsicherheiten und handelspolitische Eskalationen? Welche historischen Muster können wir beobachten?
Die Reaktionen sind völlig unberechenbar, das hat sich ja 2025 sehr schön gezeigt. Wer hätte Anfang 2025 – einem Jahr voller politischer Turbulenzen! – gedacht, dass sich die Märkte so gut entwickeln würden. Darum gibt es leider auch keine historischen Muster, auf die man irgendwelche Anlageentscheidungen aufsetzen könnte.
Das wird zwar immer mal wieder behauptet, letztlich geht es dabei aber immer darum, mit einer aufmerksamkeitsträchtigen Schlagzeile in den Medien zu landen.
Wenn es solche Muster gäbe, dann würden die vielen aktiv gemanagten Investmentfonds doch viel erfolgreicher sein und keine so lausigen Ergebnisse abliefern.
Wer nicht selber traden will, kann auch zu einem Vermögensverwalter gehen. Sie bieten gleich zwei Lösungen unter einem Dach an: die Quirin Privatbank punktet mit persönlicher Beratung in 15 Filialen, quirion arbeitet rein digital. Für welchen Anlegertyp ist welches Modell die richtige Wahl?
Das ist relativ einfach zu beantworten, Sie haben es in Ihrer Frage ja im Grunde schon vorweggenommen. Wer eine persönliche Betreuung und eine individuelle Finanzplanung mit einem festen Ansprechpartner wünscht, der ist bei der Quirin Privatbank richtig aufgehoben. Wer es akzeptiert, über seine Anlagen ausschließlich digital informiert zu werden, dem kann man guten Gewissens quirion empfehlen.
Die Unterschiede liegen also nicht bei den im Kern vergleichbaren Anlagemöglichkeiten, sondern im Zugang: persönlich in der Niederlassung oder rein digital.
Was sollten Anleger beim Einstieg in die Vermögensverwaltung – ob bei der Quirin Privatbank oder bei quirion – beachten? Welche Schritte sind wichtig, welche Fragen sollte man sich vorab stellen?
Einmal von den Details der Organisation und Abwicklung abgesehen sind vor allem zwei Fragen entscheidend:
Erstens, bin ich wirklich bereit, die Entscheidungen darüber, welche Anlage wann gekauft und verkauft wird, abzugeben?
Denn das ist bei einer Vermögensverwaltung zwingend der Fall. Und zweitens: Was will ich eigentlich mit meiner Anlage erreichen? Denn davon hängt es ab, welche Strategie und vor allem welche Aktienquote angemessen ist.
Der DAX notiert aktuell bei ca. 25.000 Punkten und hat im Januar ein neues Allzeithoch markiert. Analysten sehen Jahresendziele zwischen 24.000 und 30.000 Punkten. Wo sehen Sie den DAX Ende 2026 – und welche Faktoren werden die Entwicklung maßgeblich bestimmen?
Wie schon gesagt: Ich bin kein Hellseher. Was ich aber sagen kann, ist, dass es Faktoren sein werden, die wir heute noch nicht oder nicht in ihrer vollen Tragweite auf dem Schirm haben. Auch sollte aus dem bisherigen Gespräch klar geworden sein, dass die Antwort auf die Frage „Wo steht der DAX am Jahresende?” reinste Spekulation ist.
Trotzdem will ich mich nicht drücken und mache das, was aus wissenschaftlicher Sicht das Vernünftigste ist, nämlich eine sogenannte Random Walk Schätzung abzugeben.
Und die besagt, dass der Wert des DAX in einem Jahr dem aktuellen Wert zuzüglich dem langfristig zu erwartenden Wertzuwachs von 8% sein wird. Also 25.000 multipliziert mit dem Faktor 1,08. Das ergibt genau 27.000 Indexpunkte. Und schon haben Sie meine Schätzung.