Momentum Strategie

Momentum-Strategie: Auf bestehende Trends aufspringen

Die Momentum-Strategie folgt einem einfachen, aber kontraintuitiven Prinzip: Kaufe, was steigt, und verkaufe, was fällt. Statt antizyklisch günstig einzusteigen, setzt man bewusst auf Aktien, die bereits gut gelaufen sind. Die Annahme dahinter: Trends setzen sich fort, zumindest für eine gewisse Zeit. Was in den vergangenen Monaten Stärke gezeigt hat, wird auch in den kommenden Monaten überdurchschnittlich performen.

Für Anleger, die an die Fortsetzung von Markttrends glauben und bereit sind, regelmäßig umzuschichten, bietet die Momentum-Strategie einen systematischen Ansatz. Sie richtet sich an jene, die Märkte als nicht vollständig effizient betrachten und davon überzeugt sind, dass Gewinner weiter gewinnen – zumindest mittelfristig. Die Strategie erfordert eine hohe Risikobereitschaft und die Akzeptanz, dass sie in Trendwende-Phasen brutal schmerzhaft werden kann.

Funktionsweise und Grundprinzip der Strategie

Momentum-Investing basiert auf Erkenntnissen der Verhaltensfinanzierung. Märkte reagieren oft träge auf neue Informationen, und einmal begonnene Trends setzen sich fort, weil Anleger psychologisch dazu neigen, erfolgreichen Investments nachzulaufen. Positive Nachrichten ziehen mehr Käufer an, steigende Kurse erzeugen weitere Aufmerksamkeit, und dieser selbstverstärkende Effekt treibt Gewinner-Aktien weiter nach oben.

Die konkrete Umsetzung erfolgt über die Analyse vergangener Kursverläufe. Typischerweise betrachtet man Zeiträume von drei bis zwölf Monaten. Aktien, die in dieser Phase die stärksten Zuwächse verzeichnet haben, werden ins Portfolio aufgenommen. Schwache Titel, die gefallen oder nur minimal gestiegen sind, werden aussortiert. Dieser Prozess wiederholt sich regelmäßig – meist monatlich oder quartalsweise.

Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen kurzfristigem Noise und echtem Momentum. Sehr kurzfristige Bewegungen von wenigen Tagen oder Wochen gelten als zu volatil und zufällig. Auch sehr langfristige Performance über mehrere Jahre hinweg ist weniger relevant, da sie bereits in die Bewertung eingepreist sein dürfte. Das Sweet Spot liegt im mittelfristigen Bereich von etwa sechs bis zwölf Monaten.

Die Strategie lässt sich sowohl mit Einzelaktien als auch über Momentum-ETFs oder regelbasierte Momentum-Indizes umsetzen. Entscheidend ist die Disziplin – Momentum erfordert konsequentes Rebalancing, auch wenn es emotional schwerfällt, Gewinner zu verkaufen oder vermeintlich teure Titel zu kaufen.

Performance-Kennzahlen: Potenzial für Renditen zwischen 10% und 14% jährlich in Trendmärkten

In Phasen klarer Markttrends kann Momentum außergewöhnliche Renditen liefern. Historische Studien zeigen, dass Momentum-Portfolios in günstigen Marktphasen jährliche Renditen zwischen 10% und 14% erzielen konnten, teils sogar darüber. Über zwanzig Jahre in einem trendstarken Umfeld könnten Gesamtrenditen von 573% bis über 1.100% erreicht werden.

Allerdings ist diese Strategie extrem abhängig vom Marktumfeld. In klaren Aufwärtstrends, wenn bestimmte Sektoren oder Themen über Jahre hinweg dominieren, funktioniert Momentum hervorragend. Die Jahre nach der Finanzkrise bis etwa 2021, geprägt von steigenden Technologieaktien, waren eine Glanzzeit für Momentum-Investoren. Wer konsequent die Gewinner der Vormonate kaufte, fuhr überdurchschnittliche Gewinne ein.

In Seitwärtsmärkten oder bei häufigen Trendwechseln kann die Strategie jedoch deutlich schlechter abschneiden. Wenn Gewinner von gestern plötzlich zu Verlierern werden und umgekehrt, führt das mechanische Umschichten zu einer ungünstigen Dynamik – man kauft teuer und verkauft günstig. Auch die höheren Transaktionskosten durch häufiges Handeln schmälern die Rendite. Über alle Marktphasen hinweg liegt die langfristige Durchschnittsrendite daher oft nur moderat über breiten Marktindizes.

Risikoprofil: Sehr hohe Volatilität mit möglichen Drawdowns bis 55%

Momentum-Portfolios gehören zu den volatilsten Aktienstrategien überhaupt. Die jährlichen Schwankungen bewegen sich typischerweise im Bereich von 20% bis 25%, können in extremen Phasen aber auch darüber liegen. Der Grund liegt in der Konzentration auf bereits stark gestiegene Titel, die oft hoch bewertet sind und bei Trendwenden besonders brutal einbrechen.

In schweren Marktkrisen oder bei abrupten Trendwechseln können die Verluste dramatisch ausfallen. Drawdowns von 50% bis 55% sind in Extremsituationen durchaus möglich, einzelne Positionen können noch stärker einbrechen. Das Problem: Momentum-Strategien sind oft voll investiert in genau jene Titel, die in der vorangegangenen Euphorie am stärksten gestiegen sind – und die fallen dann am härtesten, wenn die Stimmung kippt.

Ein klassisches Beispiel ist der Crash nach der Dotcom-Blase um das Jahr 2000. Momentum-Portfolios waren extrem in Technologieaktien gewichtet, da diese zuvor am besten gelaufen waren. Als die Blase platzte, erlitten viele Momentum-Investoren Verluste von 60% oder mehr. Auch 2022 traf es Momentum-Strategien hart, als die zuvor dominierenden Wachstumstitel einbrachen.

Ein zusätzliches Risiko liegt im sogenannten Momentum-Crash – plötzlichen, extremen Umkehrungen, bei denen die bisherigen Gewinner massiv abstürzen. Solche Ereignisse sind selten, aber wenn sie eintreten, können sie jahrelange Gewinne in kurzer Zeit vernichten.

Vorteile der Strategie

Der zentrale Vorteil liegt im Potenzial für Outperformance. In Trendmärkten kann Momentum den breiten Markt deutlich schlagen. Man ist automatisch in den heißesten Sektoren und stärksten Einzeltiteln investiert, was in solchen Phasen zu überdurchschnittlichen Gewinnen führt. Die Strategie zwingt einen zudem, Gewinner laufen zu lassen und Verlierer konsequent auszusortieren – eine Disziplin, die vielen Privatanlegern schwerfällt.

Momentum ist zudem systematisch umsetzbar. Es braucht keine fundamentale Analyse oder Prognosen über Zukunftsaussichten. Die Regeln sind klar definiert – kaufe die Gewinner der letzten Monate, verkaufe die Verlierer. Das eliminiert emotionale Entscheidungen und schafft Transparenz. Auch über ETFs lässt sich die Strategie mittlerweile einfach und kostengünstig umsetzen.

Ein weiterer Vorteil liegt in der empirischen Bestätigung. Der Momentum-Effekt ist einer der am besten dokumentierten Marktanomalien. Zahlreiche wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Momentum über lange Zeiträume und verschiedene Märkte hinweg funktioniert hat. Das gibt der Strategie eine solide theoretische Grundlage.

Nachteile und Risiken

Die extreme Volatilität und die Anfälligkeit für Trendwenden sind die offensichtlichsten Nachteile. Wer nicht bereit ist, dramatische Einbrüche auszusitzen, wird mit der Strategie nicht glücklich. Das psychologische Problem: Man kauft oft zu Höchstkursen, was sich falsch anfühlt, und verkauft nach Rückgängen, was ebenfalls schmerzt. Diese emotionale Belastung ist nicht zu unterschätzen.

Die höheren Transaktionskosten sind ein weiteres Problem. Momentum erfordert regelmäßiges Umschichten, oft monatlich oder quartalsweise. Das verursacht Handelsgebühren und löst Steuern auf realisierte Gewinne aus. Diese Kosten können die Outperformance erheblich schmälern, besonders bei kleineren Portfolios. Wer die Strategie mit Einzelaktien umsetzt, braucht zudem einen erheblichen Zeitaufwand für die regelmäßige Neuberechnung und Umschichtung.

Ein strukturelles Risiko liegt in der prozyklischen Natur der Strategie. Man kauft systematisch das Teure und verkauft das Günstige. In Seitwärtsmärkten oder bei häufigen Richtungswechseln führt das zu einer ungünstigen Performance. Auch die Konzentration auf wenige Sektoren kann problematisch werden – Momentum-Portfolios sind oft extrem einseitig gewichtet, was das Risiko erhöht.

Nicht zuletzt gibt es das Risiko, den Ausstiegszeitpunkt zu verpassen. Momentum funktioniert nur so lange, wie Trends sich fortsetzen. Wenn ein langjähriger Trend bricht, kann man mit vollen Verlusten dastehen. Die Strategie gibt keine Warnsignale – man sitzt bis zum bitteren Ende im Trend, auch wenn dieser bereits überdehnt ist.

Anlegerprofil: Für wen ist die Momentum-Strategie geeignet?

Die Momentum-Strategie eignet sich für Anleger mit sehr hoher Risikobereitschaft und der emotionalen Stabilität, extreme Schwankungen zu ertragen. Sie passt zu jenen, die aktiv mit ihrem Portfolio arbeiten möchten und bereit sind, regelmäßig Zeit für Umschichtungen zu investieren. Ein gewisses Interesse an Marktdynamiken und Trends sollte vorhanden sein, auch wenn die Strategie regelbasiert funktioniert.

Besonders geeignet ist Momentum für erfahrene Anleger, die bereits über eine solide Vermögensbasis verfügen und einen spekulativen Teil ihres Kapitals in eine renditestarke, aber volatile Strategie investieren möchten. Als Beimischung zu einem stabilen Kernportfolio kann Momentum interessant sein, als alleinige Strategie ist sie für die meisten Anleger zu riskant. Der Anlagehorizont sollte mindestens zehn Jahre betragen, um verschiedene Marktzyklen durchlaufen zu können.

Weniger geeignet ist die Strategie für Einsteiger, die noch keine Erfahrung mit Aktienvolatilität haben. Die psychologische Belastung ist enorm, und viele Anleger geben genau dann auf, wenn es am schmerzhaftesten ist. Auch für konservative Investoren oder jene kurz vor dem Ruhestand ist Momentum nicht passend – die Schwankungen und das Risiko schwerer Einbrüche passen nicht zu einem defensiven Ansatz. Wer nicht regelmäßig Zeit für Portfolio-Management aufbringen kann oder will, sollte ebenfalls Abstand nehmen oder auf Momentum-ETFs ausweichen, die das Rebalancing automatisch übernehmen. Ein gewisses Mindestkapital ist sinnvoll, um die Transaktionskosten im Verhältnis zum Portfolio gering zu halten – bei sehr kleinen Beträgen fressen Gebühren die Mehrrendite schnell auf.