ETF Auswahl
- ETF Auswahl: Systematische Kriterien für die richtige ETF-Entscheidung
- Die Indexwahl als fundamentale Entscheidung
- Kosten: Total Expense Ratio und versteckte Aufwendungen
- Fondsvermögen als Indikator für Stabilität
- Replikationsmethode: Physisch oder synthetisch?
- Ertragsverwendung: Thesaurierung oder Ausschüttung?
- Alter und Track Record des ETF
- Anbieter und Domizil: Rechtliche Rahmenbedingungen
- Auswahlkriterien im Überblick
- Vergleichsplattformen und Informationsquellen
- Spezialfälle: Gold-ETFs und Themen-ETFs
- Die richtige Balance finden
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ETF Auswahl: Systematische Kriterien für die richtige ETF-Entscheidung
Das ETF-Universum umfasst mittlerweile mehrere Tausend Produkte. Allein in Europa sind über 2.000 ETFs handelbar, weltweit deutlich mehr. Diese Vielfalt bietet Chancen, stellt Anleger aber auch vor die Herausforderung, aus der Masse das passende Produkt herauszufiltern. Wer nach dem Zufallsprinzip vorgeht oder sich nur an der Bekanntheit eines Anbieters orientiert, läuft Gefahr, suboptimale Entscheidungen zu treffen.
Die gute Nachricht ist, dass sich die Auswahl strukturiert angehen lässt. Es gibt messbare Kriterien, die eine fundierte Einschätzung ermöglichen. Dabei geht es nicht darum, den einen perfekten ETF zu finden – den gibt es ohnehin nicht. Vielmehr gilt es, jenes Produkt zu identifizieren, das am besten zur eigenen Anlagestrategie, zum Zeithorizont und zu den Kostenvorstellungen passt.
Die Indexwahl als fundamentale Entscheidung
Am Anfang steht die Frage, welcher Markt oder welche Anlageklasse abgebildet werden soll. Diese Entscheidung ist grundlegender als alle nachfolgenden Detailkriterien. Ein ETF auf den MSCI World verfolgt eine andere Strategie als ein ETF auf europäische Nebenwerte oder auf Schwellenländer. Auch die Frage, ob man in Aktien, Anleihen, Rohstoffe oder eine Mischung investieren möchte, wird auf dieser Ebene beantwortet.
Wer ein breit diversifiziertes Basisinvestment sucht, wird typischerweise auf globale Aktienindizes wie den MSCI World oder den FTSE All-World setzen. Diese decken den Großteil der weltweiten Börsenwerte ab und bieten damit eine solide Grundlage. Für spezifischere Ziele – etwa die Beimischung von Schwellenländern oder die Abbildung bestimmter Branchen – kommen Satelliten-ETFs infrage, die gezielt einzelne Segmente abdecken. Wie man verschiedene ETFs sinnvoll kombiniert, wird im Artikel zu ETF Portfolios vertieft.
Bei der Indexwahl sollte man auch die geografische und sektorale Zusammensetzung im Blick haben. Ein MSCI World ist stark auf die USA konzentriert – derzeit mit etwa 70% Gewichtung – und wird dominiert von Technologiewerten. Wer das als Klumpenrisiko empfindet, kann durch zusätzliche ETFs gegensteuern oder von vornherein auf breiter diversifizierte Indizes setzen.
Kosten: Total Expense Ratio und versteckte Aufwendungen
Die laufenden Kosten eines ETF werden in der Total Expense Ratio, kurz TER, ausgewiesen. Sie gibt an, wie viel Prozent des Fondsvermögens jährlich für Verwaltung, Depotbank und andere operative Aufgaben anfallen. Die TER ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Kostenfaktor.
Bei der Auswahl zwischen mehreren ETFs auf denselben Index sollte die TER durchaus Beachtung finden. Unterschiede von 0,1% bis 0,2% mögen gering erscheinen, summieren sich aber über Jahrzehnte zu spürbaren Beträgen. Allerdings ist die niedrigste TER nicht automatisch die beste Wahl. Manche ETFs mit etwas höheren Kosten erzielen durch geschicktes Management der Wertpapierleihe oder durch optimierte Replikation eine bessere Gesamtperformance als günstigere Konkurrenzprodukte.
Die tatsächliche Kostenbelastung zeigt sich in der Tracking-Differenz – also der Abweichung zwischen der Wertentwicklung des Index und der Wertentwicklung des ETF. Ein ETF, der trotz höherer TER eine geringere Tracking-Differenz aufweist, kann letztlich vorteilhafter sein. Diese Kennzahl findet sich in den Factsheets der Anbieter oder auf Vergleichsplattformen.
Hinzu kommen die Transaktionskosten beim Kauf und Verkauf. Hier spielen die Handelsspannen – die Spreads zwischen Kauf- und Verkaufskurs – eine Rolle. Bei großen, liquiden ETFs liegen diese oft im Bereich von wenigen Cent, bei kleineren oder exotischeren Produkten können sie deutlich höher ausfallen.
Fondsvermögen als Indikator für Stabilität
Das verwaltete Vermögen eines ETF gibt Aufschluss über dessen Marktakzeptanz und wirtschaftliche Tragfähigkeit. ETFs mit einem Volumen von mehreren Hundert Millionen oder gar Milliarden Euro gelten als etabliert. Sie bieten in der Regel engere Spreads, eine bessere Handelbarkeit und ein geringeres Risiko, dass der Anbieter den Fonds mangels Rentabilität schließt.
Kleine ETFs mit einem Volumen von unter 50 oder 100 Millionen Euro können durchaus attraktive Nischenprodukte sein, bergen aber ein höheres Risiko einer Fondsschließung. In diesem Fall würden die Anleger zwar ihr Kapital zurückerhalten, müssten aber eventuell zu einem ungünstigen Zeitpunkt verkaufen und einen neuen ETF suchen. Für langfristig orientierte Anleger, die ein stabiles Basisinvestment aufbauen möchten, sind größere Fonds daher meist die bessere Wahl.
Replikationsmethode: Physisch oder synthetisch?
Wie bereits im Artikel Was sind ETFs? erläutert, gibt es zwei grundlegende Ansätze zur Indexnachbildung. Physisch replizierende ETFs kaufen die im Index enthaltenen Wertpapiere tatsächlich, synthetische ETFs nutzen Swap-Geschäfte mit Banken.
Aus Anlegersicht sind physische ETFs oft intuitiver nachvollziehbar und werden als transparenter empfunden. Das Kontrahentenrisiko, das bei synthetischen ETFs besteht, ist zwar regulatorisch begrenzt, aber nicht vollständig ausgeschlossen. Andererseits können synthetische ETFs bei bestimmten Märkten – etwa bei Schwellenländern oder bei Rohstoff-Indizes – Vorteile bieten, weil sie präziser und kostengünstiger replizieren.
Für Standardindizes wie den MSCI World oder den S&P 500 ist die Replikationsmethode meist weniger entscheidend, da beide Varianten gut funktionieren. Bei exotischeren Indizes oder bei spezialisierten Themen-ETFs lohnt sich ein genauerer Blick auf die gewählte Methode.
Ertragsverwendung: Thesaurierung oder Ausschüttung?
Die Wahl zwischen thesaurierenden und ausschüttenden ETFs hängt von den persönlichen Zielen ab. Thesaurierende ETFs legen Dividenden und Zinserträge automatisch wieder an, was den Zinseszinseffekt verstärkt und für den langfristigen Vermögensaufbau vorteilhaft ist. Ausschüttende ETFs zahlen die Erträge regelmäßig aus, was für Anleger interessant ist, die ein laufendes Einkommen aus ihrem Portfolio generieren möchten.
Steuerlich sind beide Varianten seit der Investmentsteuerreform 2018 weitgehend gleichgestellt. Bei thesaurierenden ETFs wird eine sogenannte Vorabpauschale auf die unterstellten Erträge erhoben, was zu einer geringfügigen Steuerlast führen kann, auch wenn keine tatsächlichen Ausschüttungen erfolgen. Details dazu finden sich im Artikel zu ETF & Steuern.
Wer über einen Sparplan investiert, profitiert von thesaurierenden ETFs, da die Wiederanlage automatisch erfolgt und keine manuellen Reinvestitionen nötig sind. Mehr zur Funktionsweise und den Vorteilen von Sparplänen wird im Artikel zu ETF Sparplänen erläutert.
Alter und Track Record des ETF
Ein ETF, der schon seit vielen Jahren am Markt ist, hat seine Funktionsfähigkeit unter verschiedenen Marktbedingungen bewiesen. Man kann die historische Performance analysieren, die Tracking-Differenz über längere Zeiträume bewerten und sich ein Bild von der Zuverlässigkeit des Anbieters machen.
Ganz neue ETFs hingegen haben noch keine Erfolgsgeschichte vorzuweisen. Das muss kein Ausschlusskriterium sein – gerade bei etablierten Anbietern sind auch junge Produkte oft solide aufgestellt. Dennoch fehlt die Möglichkeit, die tatsächliche Performance mit der des Index über mehrere Jahre zu vergleichen. Für sicherheitsorientierte Anleger kann das ein Grund sein, etablierten Produkten den Vorzug zu geben.
Anbieter und Domizil: Rechtliche Rahmenbedingungen
Die großen ETF-Anbieter wie iShares, Xtrackers, Amundi oder Vanguard verfügen über jahrelange Erfahrung und ein breites Produktspektrum. Ihre ETFs sind in der Regel gut dokumentiert, liquide und mit niedrigen Kosten ausgestattet. Kleinere Anbieter können durchaus interessante Nischenprodukte im Portfolio haben, erfordern aber etwas mehr Recherche.
Das Fondsdomizil – also das Land, in dem der ETF rechtlich aufgelegt ist – spielt vor allem steuerlich eine Rolle. Die meisten in Europa vertriebenen ETFs sind in Irland oder Luxemburg domiziliert, was steuerliche Vorteile bei der Behandlung von Dividenden aus den USA bietet. Deutsche ETFs sind seltener, aber ebenfalls erhältlich. Für deutsche Anleger sind alle UCITS-konformen ETFs – also solche, die europäischen Richtlinien entsprechen – grundsätzlich problemlos handelbar.
Auswahlkriterien im Überblick
Die folgende Tabelle stellt die wichtigsten Auswahlkriterien dar und zeigt anhand von Beispieldaten, wie verschiedene ETFs auf denselben Index verglichen werden können:
| Kriterium | ETF Beispiel A | ETF Beispiel B | ETF Beispiel C | Bewertung |
|---|---|---|---|---|
| Index | MSCI World | MSCI World | MSCI World | Identisch |
| TER p.a. | 0,20% | 0,12% | 0,30% | B am günstigsten |
| Fondsvermögen | 3.500 Mio. EUR | 8.200 Mio. EUR | 450 Mio. EUR | B am größten, C klein |
| Tracking-Differenz (5 Jahre) | -0,15% p.a. | -0,10% p.a. | -0,25% p.a. | B am präzisesten |
| Replikation | Physisch (optimiert) | Physisch (vollständig) | Synthetisch (Swap) | B am transparentesten |
| Ertragsverwendung | Thesaurierend | Ausschüttend | Thesaurierend | Nach Präferenz |
| Auflagedatum | 2012 | 2009 | 2020 | B am etabliertesten |
| Spread (Handelskosten) | 0,08% | 0,05% | 0,15% | B am liquidesten |
| Domizil | Irland | Irland | Luxemburg | Beide steuerlich vorteilhaft |
In diesem Beispiel würde ETF B die beste Gesamtwahl darstellen – niedrigste Kosten, größtes Volumen, geringste Tracking-Differenz und engste Spreads. ETF C wäre aufgrund des kleinen Volumens und der höheren Kosten weniger attraktiv, könnte aber für Anleger, die synthetische Replikation bevorzugen, dennoch in Betracht kommen.
Vergleichsplattformen und Informationsquellen
Die Recherche nach geeigneten ETFs wird durch spezialisierte Plattformen erheblich erleichtert. Anbieter wie justETF, extraETF oder auch die Factsheets der Fondsgesellschaften selbst bieten umfangreiche Filtermöglichkeiten und Vergleichstools. Dort lassen sich ETFs nach Index, Kosten, Volumen, Replikationsmethode und vielen weiteren Kriterien sortieren und gegenüberstellen.
Auch die KIID-Dokumente – die Key Investor Information Documents – sind verpflichtende Informationsblätter, die jeder ETF-Anbieter bereitstellen muss. Sie fassen die wichtigsten Produktmerkmale, Kosten und Risiken auf wenigen Seiten zusammen und sind eine gute erste Anlaufstelle.
Spezialfälle: Gold-ETFs und Themen-ETFs
Nicht jeder ETF funktioniert nach demselben Prinzip. Gold-ETFs beispielsweise sind streng genommen meist ETCs – Exchange Traded Commodities – da Rohstoffe rechtlich anders behandelt werden als Aktien. Dennoch ähneln sie in der Handhabung klassischen ETFs. Wer Gold als Portfoliobaustein nutzen möchte, findet im Artikel zu Gold ETFs eine detaillierte Betrachtung der Besonderheiten.
Themen-ETFs, die etwa auf künstliche Intelligenz, erneuerbare Energien oder Wasser setzen, erfordern ebenfalls eine genauere Prüfung. Oft sind diese Produkte teurer als klassische Indexfonds und weisen eine höhere Konzentration auf wenige Unternehmen auf. Das kann Chancen bieten, erhöht aber auch das Risiko.
Die richtige Balance finden
Am Ende geht es nicht darum, den ETF mit den absolut besten Kennzahlen in jeder Kategorie zu finden. Vielmehr sollte das gewählte Produkt zur eigenen Strategie passen, transparent sein, solide aufgestellt und zu vernünftigen Kosten handelbar. Wer sich auf etablierte Anbieter, liquide ETFs mit ausreichendem Volumen und niedriger TER konzentriert, macht in der Regel wenig falsch.
Auch die Frage, wie viele verschiedene ETFs man im Portfolio haben sollte, lässt sich nicht pauschal beantworten. Für viele Anleger genügt ein einziger breit diversifizierter ETF als Kernbaustein. Andere kombinieren mehrere Produkte, um gezielt bestimmte Regionen, Sektoren oder Anlageklassen abzubilden. Die Kunst liegt darin, eine Balance zwischen Diversifikation und Übersichtlichkeit zu finden.
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Nach dieser systematischen Betrachtung der Auswahlkriterien empfehlen sich folgende vertiefende Artikel:
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