Vor- & Nachteile von ETFs
- Vor- & Nachteile von ETFs: Eine neutrale Einschätzung
- Die Kosteneffizienz als zentraler Vorteil
- Breite Diversifikation mit einem einzigen Produkt
- Transparenz und Handelbarkeit
- Systematischer Ansatz und emotionale Entlastung
- Die Kehrseite: Keine Outperformance möglich
- Tracking-Differenz und Replikationsrisiken
- Klumpenrisiken bei bestimmten Indizes
- Keine aktive Krisensteuerung
- Vor- und Nachteile im Überblick
- Für wen eignen sich ETFs?
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Vor- & Nachteile von ETFs: Eine neutrale Einschätzung
ETFs haben in den vergangenen Jahren einen beispiellosen Siegeszug erlebt. Doch wie bei jeder Anlageform gibt es auch hier zwei Seiten der Medaille. Wer fundiert entscheiden möchte, ob ETFs zur eigenen Anlagestrategie passen, sollte sowohl die Stärken als auch die Schwächen dieser Produkte kennen. Eine pauschale Empfehlung für oder gegen ETFs greift zu kurz – entscheidend ist das Zusammenspiel mit den individuellen Anlagezielen, dem Zeithorizont und der Risikobereitschaft.
Die Kosteneffizienz als zentraler Vorteil
Der wohl gewichtigste Pluspunkt von ETFs liegt in ihrer Kostenstruktur. Die Total Expense Ratio – also die jährlichen Verwaltungsgebühren – bewegt sich bei den meisten ETFs im Bereich zwischen 0,05% und 0,50%. Aktiv gemanagte Fonds verlangen hingegen oft 1,5% bis 2,5% pro Jahr, manchmal sogar mehr. Diese Differenz mag auf den ersten Blick überschaubar wirken, entfaltet über längere Zeiträume jedoch erhebliche Auswirkungen.
Ein Rechenbeispiel verdeutlicht das. Bei einer Anlagesumme von 50.000 Euro und einer angenommenen Bruttorendite von 7% jährlich führen Kosten von 0,2% nach 20 Jahren zu einem Endvermögen von etwa 188.000 Euro. Bei Kosten von 2% sind es hingegen nur rund 148.000 Euro – eine Differenz von 40.000 Euro allein durch die höheren Gebühren. Diese Kostendifferenz frisst faktisch einen erheblichen Teil der erwirtschafteten Rendite auf, bevor sie beim Anleger ankommt.
Hinzu kommt, dass bei ETFs in der Regel keine Ausgabeaufschläge anfallen, wie sie bei klassischen Investmentfonds üblich sind. Dort werden beim Kauf häufig 3% bis 5% des Anlagebetrags als einmalige Gebühr fällig. Auch Performancegebühren, die bei erfolgreichen aktiven Fonds zusätzlich erhoben werden, gibt es bei ETFs nicht. Die Kostenstruktur bleibt transparent und planbar.
Breite Diversifikation mit einem einzigen Produkt
Ein weiterer Vorzug von ETFs ist die einfache Möglichkeit zur Risikostreuung. Mit einem einzigen Wertpapier lässt sich in Hunderte oder sogar Tausende von Unternehmen investieren. Ein ETF auf den MSCI World etwa bildet rund 1.600 Aktien aus 23 Industrieländern ab. Wer ein solches Produkt erwirbt, minimiert das Risiko, das mit Einzelaktien verbunden ist – also die Gefahr, dass ein einzelnes Unternehmen in Schieflage gerät oder sogar insolvent wird.
Diese Diversifikation erreicht man ohne hohen Kapitaleinsatz. Während der Aufbau eines vergleichbar breit gestreuten Portfolios aus Einzelaktien mehrere Zehntausend Euro erfordern würde – allein schon, um die Transaktionskosten im Verhältnis zu halten – genügt bei ETFs oft ein dreistelliger Betrag für den Einstieg. Besonders über Sparpläne können auch kleinere Anleger systematisch ein diversifiziertes Portfolio aufbauen, mehr dazu im Artikel zu ETF Sparplänen.
Transparenz und Handelbarkeit
ETFs veröffentlichen ihre Zusammensetzung täglich, sodass Anleger jederzeit nachvollziehen können, in welchen Werten ihr Kapital investiert ist. Diese Transparenz ist bei aktiven Fonds nicht gegeben, dort erfolgt die Offenlegung der Positionen in der Regel nur halb- oder vierteljährlich. Zudem können ETFs während der gesamten Börsenhandelszeiten gekauft und verkauft werden, was eine flexible Reaktion auf Marktentwicklungen ermöglicht – etwa wenn man kurzfristig Liquidität benötigt oder eine Position anpassen möchte.
Die Preisbildung ist dabei ebenfalls transparent. Der Kurs eines ETF orientiert sich eng am Wert der enthaltenen Wertpapiere, und Marktteilnehmer stellen kontinuierlich An- und Verkaufskurse. Bei liquiden ETFs sind die Spreads – also die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis – meist sehr gering.
Systematischer Ansatz und emotionale Entlastung
Das passive Investieren über ETFs folgt einem klaren, regelbasierten Ansatz. Man kauft den Markt, wie er ist, und versucht nicht, durch aktive Entscheidungen eine Überrendite zu erzielen. Das klingt zunächst wenig ambitioniert, hat aber einen entscheidenden Vorteil. Die meisten aktiven Fondsmanager schaffen es langfristig nicht, ihre Benchmark zu schlagen – nach Abzug der Kosten bleibt die Mehrheit hinter dem Index zurück.
Hinzu kommt die psychologische Komponente. Wer in Einzelaktien investiert, muss sich ständig mit der Frage auseinandersetzen, ob er die richtigen Werte ausgewählt hat, ob er zu früh oder zu spät gekauft hat und wann der richtige Zeitpunkt zum Verkauf ist. Diese Entscheidungen sind emotional belastend und führen häufig zu suboptimalen Ergebnissen. ETFs nehmen einen großen Teil dieser Last ab, weil man sich auf die langfristige Marktentwicklung konzentriert und nicht auf kurzfristige Schwankungen einzelner Positionen reagieren muss.
Die Kehrseite: Keine Outperformance möglich
Was zunächst als Vorteil erscheint – die Abbildung des Index – ist zugleich eine strukturelle Begrenzung. ETFs können den Markt nicht schlagen, sie liefern bestenfalls die Marktrendite abzüglich der laufenden Kosten. Wer davon überzeugt ist, bestimmte Aktien würden sich besser entwickeln als der Gesamtmarkt, findet in ETFs nicht das passende Instrument.
Auch die breite Diversifikation hat ihre Schattenseiten. Man kauft mit einem ETF nicht nur die aussichtsreichsten Unternehmen eines Index, sondern eben auch die schwächeren. In einem Index wie dem DAX finden sich neben etablierten Weltkonzernen auch Unternehmen, die mit strukturellen Problemen kämpfen. Das dämpft die Gesamtrendite, vermindert aber eben auch das Risiko extremer Verluste.
Tracking-Differenz und Replikationsrisiken
In der Theorie bildet ein ETF seinen Index exakt ab. In der Praxis entsteht jedoch fast immer eine kleine Abweichung – die sogenannte Tracking-Differenz. Diese resultiert aus den laufenden Kosten des Fonds, aus Transaktionskosten beim Rebalancing und manchmal auch aus der Replikationsmethode. Bei synthetischen ETFs, die über Swaps arbeiten, kommt ein Kontrahentenrisiko hinzu – also die Gefahr, dass die Bank, mit der der Fonds das Tauschgeschäft eingeht, ausfällt. Dieses Risiko ist zwar regulatorisch begrenzt, aber nicht vollständig ausgeschlossen.
Auch die Handelsspannen können bei weniger liquiden ETFs spürbar sein. Wer einen Nischen-ETF mit geringem Handelsvolumen kauft oder verkauft, zahlt unter Umständen einen höheren Spread, was die Kosten erhöht. Bei den großen, etablierten ETFs auf Standardindizes ist dieser Effekt hingegen vernachlässigbar.
Klumpenrisiken bei bestimmten Indizes
Nicht jeder Index ist gleichermaßen diversifiziert. Ein ETF auf den S&P 500 etwa ist stark auf die USA konzentriert, ein DAX-ETF bildet nur 40 deutsche Unternehmen ab. Auch innerhalb breit aufgestellter Indizes können Klumpenrisiken entstehen – etwa wenn einzelne Sektoren oder Mega-Caps ein sehr hohes Gewicht haben. Im MSCI World dominieren derzeit US-Technologiekonzerne, was die Anfälligkeit gegenüber Entwicklungen in diesem Segment erhöht.
Wer wirklich breit diversifizieren möchte, muss also mehrere ETFs kombinieren oder auf besonders breit aufgestellte Produkte setzen. Wie man ein ausgewogenes Portfolio konstruiert und worauf es bei der Gewichtung ankommt, wird im Artikel zu ETF Portfolios erläutert.
Keine aktive Krisensteuerung
In Marktphasen mit starken Kursrückgängen bieten ETFs keine Schutzmechanismen. Sie folgen dem Index nach unten, genau wie sie ihm nach oben folgen. Ein aktiver Fondsmanager könnte theoretisch gegensteuern, indem er Positionen reduziert oder in defensive Werte umschichtet. In der Praxis gelingt das allerdings selten nachhaltig – die wenigsten Manager schaffen es, Marktkorrekturen vorherzusehen und rechtzeitig zu reagieren.
Für langfristig orientierte Anleger spielt dieser Punkt eine geringere Rolle, da temporäre Schwankungen über ausreichend lange Zeiträume in der Regel ausgeglichen werden. Wer jedoch auf absehbare Zeit Kapital benötigt oder psychologisch empfindlich auf Verluste reagiert, muss sich bewusst sein, dass ETFs den Marktschwankungen vollständig ausgesetzt sind. Eine ausführliche Betrachtung der verschiedenen Risikodimensionen findet sich im Artikel zu ETF Risiken.
Vor- und Nachteile im Überblick
Die folgende Tabelle fasst die wesentlichen Argumente für und gegen ETFs strukturiert zusammen:
| Vorteile | Gewichtung | Nachteile | Gewichtung |
|---|---|---|---|
| Niedrige Kosten (0,05% bis 0,50% p.a.) | Sehr hoch | Keine Outperformance möglich | Mittel |
| Breite Diversifikation mit einem Produkt | Sehr hoch | Tracking-Differenz und Replikationsrisiken | Gering |
| Hohe Transparenz (tägliche Offenlegung) | Hoch | Klumpenrisiken bei konzentrierten Indizes | Mittel |
| Flexible Handelbarkeit während Börsenzeiten | Mittel | Keine aktive Krisensteuerung | Mittel |
| Keine Ausgabeaufschläge | Hoch | Handelsspannen bei illiquiden ETFs | Gering |
| Emotionale Entlastung durch systematischen Ansatz | Hoch | Volle Partizipation an Marktrückgängen | Mittel |
| Geringe Mindestanlage möglich | Hoch | Eingeschränkte Flexibilität bei Indexanpassungen | Gering |
Für wen eignen sich ETFs?
Die Frage ist weniger, ob ETFs grundsätzlich gut oder schlecht sind, sondern vielmehr, ob sie zur jeweiligen Situation passen. Für langfristig orientierte Anleger, die ein diversifiziertes Portfolio mit geringem Aufwand und niedrigen Kosten aufbauen möchten, sind ETFs eine ausgezeichnete Wahl. Wer hingegen davon überzeugt ist, durch aktive Einzeltitelauswahl oder Market Timing bessere Ergebnisse erzielen zu können, wird mit ETFs nicht glücklich werden.
Auch für Anleger mit kürzerem Anlagehorizont oder geringer Risikotoleranz können ETFs problematisch sein, da sie Marktschwankungen ungefiltert weitergeben. In solchen Fällen sollten defensive Komponenten im Portfolio stärker gewichtet werden – etwa über Anleihen-ETFs oder andere stabilisierende Elemente.
Letztlich sind ETFs ein Werkzeug, und wie bei jedem Werkzeug kommt es auf den richtigen Einsatz an. Sie bieten eine solide Grundlage für den Vermögensaufbau, ersetzen aber nicht die Notwendigkeit, sich mit den eigenen Anlagezielen auseinanderzusetzen und eine passende Strategie zu entwickeln.
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Nach dieser Gegenüberstellung von Stärken und Schwächen empfehlen sich folgende vertiefende Artikel:
ETF Auswahl – Systematische Kriterien für die Auswahl geeigneter ETFs und praktische Entscheidungshilfen
ETF Risiken – Detaillierte Analyse der verschiedenen Risikodimensionen und Strategien zur Risikominimierung