Zertifikate

Zertifikate: Strukturierte Finanzprodukte für spezialisierte Anlagestrategien

Zertifikate sind Schuldverschreibungen, die die Wertentwicklung eines Basiswerts oder einer bestimmten Strategie abbilden. Sie werden von Banken emittiert und ermöglichen Anlegern den Zugang zu Märkten, Strategien oder Produktkonstruktionen, die mit direkten Investments schwer oder gar nicht umsetzbar wären. Die Bandbreite reicht von einfachen Indexzertifikaten bis zu hochkomplexen Strukturen mit Hebeln, Barrieren und Optionskomponenten.

Anders als ETFs handelt es sich bei Zertifikaten um Inhaberschuldverschreibungen. Der Anleger wird nicht Miteigentümer eines Sondervermögens, sondern Gläubiger der emittierenden Bank. Dies bringt ein zusätzliches Risiko mit sich: Bei Insolvenz des Emittenten droht der Totalverlust, unabhängig davon, wie sich der Basiswert entwickelt hat.

Zertifikate bieten große Flexibilität und ermöglichen maßgeschneiderte Anlageprodukte. Gleichzeitig sind viele Konstruktionen komplex, kostenintensiv und für Privatanleger schwer zu durchschauen. Ein fundiertes Verständnis ist unerlässlich, bevor man in diese Produktklasse investiert.

 

Arten von Zertifikaten

Die Vielfalt ist enorm. Eine grobe Kategorisierung hilft bei der Orientierung.

 

Zertifikatstyp Funktionsweise Risikoprofil
Indexzertifikate Bilden einen Index 1:1 ab Entspricht dem Basiswert, plus Emittentenrisiko
Discountzertifikate Ermäßigter Einstieg mit gedeckelter Gewinnchance Mittel, Verluste bei starken Kursrückgängen möglich
Bonuszertifikate Zahlen Bonusbetrag, sofern Barriere nicht berührt wird Mittel bis hoch, Totalverlust bei Barriereverletzung
Hebelzertifikate Vervielfachen Kursbewegungen des Basiswerts Sehr hoch, Totalverlust schnell möglich
Expresszertifikate Vorzeitige Rückzahlung bei Erreichen bestimmter Levels Mittel, komplexe Auszahlungsstruktur

 

Indexzertifikate sind die einfachste Form. Sie bilden einen Index wie den DAX oder S&P 500 ab. Die Wertentwicklung entspricht nahezu der des Index, abzüglich Kosten. Im Gegensatz zu ETFs gibt es hier jedoch das Emittentenrisiko.

Discountzertifikate bieten einen Preisnachlass gegenüber dem direkten Kauf des Basiswerts. Im Gegenzug ist die Gewinnchance nach oben begrenzt. Sie eignen sich für seitwärts tendierende oder leicht steigende Märkte.

Bonuszertifikate versprechen eine Mindestrückzahlung, solange eine definierte Barriere nicht berührt wird. Bleibt der Kurs des Basiswerts über dieser Schwelle, erhält man mindestens den Bonusbetrag. Wird die Barriere verletzt, wandelt sich das Zertifikat faktisch in ein normales Indexzertifikat.

Hebelzertifikate, auch Knock-out-Produkte genannt, vervielfachen Kursbewegungen. Ein Hebel von 5 bedeutet, dass das Zertifikat bei 1% Kursänderung um 5% schwankt. Erreicht der Kurs eine bestimmte Schwelle, verfällt das Zertifikat wertlos. Diese Produkte sind hochspekulativ.

Expresszertifikate haben komplexe Rückzahlungsmechanismen mit mehreren Beobachtungsterminen. Bei Erreichen bestimmter Kursniveaus erfolgt vorzeitige Rückzahlung mit festem Kupon. Diese Strukturen sind schwer zu bewerten und bergen versteckte Risiken.

 

Funktionsweise am Beispiel Discountzertifikat

Ein praktisches Beispiel verdeutlicht die Mechanik. Eine Aktie notiert bei 100 Euro. Ein Discountzertifikat auf diese Aktie kostet 85 Euro, hat ein Jahr Laufzeit und einen Cap bei 95 Euro.

Der Anleger zahlt 15% weniger als beim Direktkauf. Dafür ist sein maximaler Gewinn auf 95 Euro begrenzt. Steigt die Aktie auf 120 Euro, erhält er trotzdem nur 95 Euro zurück. Sein Gewinn beträgt 10 Euro oder knapp 12%.

Steigt die Aktie moderat auf 95 Euro, entspricht dies genau dem Cap. Der Anleger realisiert ebenfalls 10 Euro Gewinn.

Fällt die Aktie auf 80 Euro, erleidet der Zertifikateinhaber 5 Euro Verlust. Der Discount hat 5 Euro Verlust abgefedert. Ein Direktkäufer hätte 20 Euro verloren.

Fällt die Aktie unter 85 Euro, verliert das Zertifikat stärker als der ursprüngliche Discount. Bei 70 Euro beträgt der Verlust 15 Euro, entsprechend dem Direktkauf minus Discount.

Die Konstruktion lohnt sich in Seitwärtsmärkten oder bei moderaten Anstiegen. Bei starken Bewegungen nach oben oder unten ist man schlechter gestellt als mit Direktinvestment.

 

Vorteile von Zertifikaten

Für bestimmte Anlagestrategien und Situationen können Zertifikate sinnvoll sein.

Zugang zu schwer erreichbaren Märkten: Exotische Rohstoffe, ausländische Indizes oder komplexe Strategien lassen sich über Zertifikate einfach handeln. Ein Privatanleger kann kaum direkt in einen vietnamesischen Aktienindex investieren, über ein Zertifikat funktioniert es problemlos.

Maßgeschneiderte Risikostrukturen: Discounts, Caps und Barrieren erlauben die Konstruktion spezifischer Risiko-Rendite-Profile. Wer eine bestimmte Markterwartung hat, findet möglicherweise ein passendes Zertifikat.

Hebelwirkung für Spekulation: Hebelzertifikate ermöglichen mit geringem Kapitaleinsatz die Teilnahme an großen Kursbewegungen. Dies ist hochriskant, aber für erfahrene Trader ein legitimes Werkzeug.

Steuerliche Aspekte: Manche Zertifikate bieten steuerliche Vorteile oder Gestaltungsmöglichkeiten. Allerdings hat der Gesetzgeber in den vergangenen Jahren viele Schlupflöcher geschlossen.

Risiken und Nachteile

Die Schattenseiten überwiegen für die meisten Privatanleger deutlich.

Emittentenrisiko als Hauptgefahr: Zertifikate sind Schuldverschreibungen. Bei Insolvenz der Bank ist das Kapital verloren, auch wenn der Basiswert gestiegen ist. Die Lehman-Brothers-Pleite 2008 führte zu Milliardenverlusten bei Zertifikateanlegern. Das Geld war weg, obwohl die zugrunde liegenden Werte intakt blieben.

Intransparente Kosten: Die Gebühren sind oft nicht offen ausgewiesen, sondern in die Preisstellung eingebacken. Spreads zwischen Kauf- und Verkaufskurs können erheblich sein. Die tatsächlichen Kosten erschließen sich Privatanlegern kaum.

Komplexität als Risikoquelle: Viele Konstruktionen sind bewusst kompliziert gestaltet. Barrieren, mehrfache Beobachtungstermine, Partizipationsraten und Caps machen eine Bewertung nahezu unmöglich. Banken verdienen besonders gut an Produkten, die Kunden nicht verstehen.

Interessenkonflikt der Emittenten: Die Bank, die das Zertifikat verkauft, steht auf der Gegenseite. Ihre Gewinne sind die Verluste der Anleger und umgekehrt. Dieser strukturelle Interessenkonflikt ist problematisch.

Mangelnde Liquidität: Außer bei sehr populären Zertifikaten kann die Handelbarkeit eingeschränkt sein. Der Emittent stellt zwar typischerweise Kurse, kann aber die Spreads nach Belieben ausweiten.

Pfadabhängigkeit: Viele Zertifikate hängen nicht nur vom Endkurs ab, sondern vom Kursverlauf während der Laufzeit. Wird eine Barriere auch nur kurzzeitig berührt, ändern sich die Auszahlungsmodalitäten dramatisch. Diese Pfadabhängigkeit ist schwer zu kalkulieren.

 

Für wen eignen sich Zertifikate?

Die Zielgruppe ist begrenzt und sollte spezifische Eigenschaften mitbringen.

Erfahrene Anleger mit fundierten Kenntnissen können Zertifikate gezielt für taktische Positionen nutzen. Sie verstehen die Konstruktion, können Risiken einschätzen und Kosten bewerten. Für sie sind Zertifikate ein Werkzeug unter vielen.

Professionelle Trader nutzen Hebelzertifikate für kurzfristige Spekulationen. Sie haben das Risiko im Griff, setzen klare Stop-Loss-Marken und akzeptieren potenzielle Totalverluste. Diese Nutzung setzt erhebliche Expertise voraus.

Privatanleger mit spezifischen Markterwartungen könnten theoretisch passende Strukturen finden. Praktisch fehlt ihnen jedoch meist die Fähigkeit, faire Preise von überteuerten zu unterscheiden. Die Gefahr, über den Tisch gezogen zu werden, ist erheblich.

Einsteiger und unerfahrene Anleger sollten Zertifikate meiden. Die Komplexität, versteckten Kosten und Risiken übersteigen ihre Fähigkeit zur Beurteilung. ETFs, Fonds oder Direktinvestments sind für diese Zielgruppe deutlich besser geeignet.

Konservative Anleger finden in Zertifikaten keine sinnvollen Produkte. Die Risiken passen nicht zu ihrem Profil. Anleihen oder Festgeld sind die angemessenen Produkte für sicherheitsorientiertes Kapital.

 

Alternativen zu Zertifikaten

Für nahezu jeden Anwendungsfall existieren bessere Alternativen ohne Emittentenrisiko.

ETFs ersetzen Indexzertifikate vollständig. Sie sind transparenter, kostengünstiger und als Sondervermögen vor Emittenteninsolvenz geschützt. Es gibt praktisch keinen Grund, ein Indexzertifikat statt eines ETFs zu kaufen.

Optionen bieten erfahrenen Anlegern flexiblere und transparentere Hebelwirkung als Hebelzertifikate. Die Preisbildung folgt nachvollziehbaren Regeln, die Kosten sind klar. Allerdings erfordern Optionen fundiertes Wissen.

Direktinvestments in Basiswerte vermeiden alle Konstruktionsrisiken. Wer eine Aktie kaufen möchte, kauft die Aktie. Wer Gold möchte, kauft Gold oder einen physisch hinterlegten Gold-ETC. Die Umwege über Zertifikate kosten meist mehr als sie bringen.

Strukturierte Anleihen sind eine Alternative zu defensiven Zertifikaten, bringen aber ähnliche Probleme mit sich. Auch hier besteht Emittentenrisiko und Intransparenz.

 

Praktisches Beispiel: Emittentenrisiko

Ein Anleger kauft 2007 Zertifikate auf den DAX, emittiert von Lehman Brothers. Der DAX steht bei 8.000 Punkten, das Zertifikat kostet 80 Euro pro Stück. Er investiert 10.000 Euro.

Im September 2008 kollabiert Lehman Brothers. Zu diesem Zeitpunkt steht der DAX bei etwa 6.000 Punkten. Das Zertifikat müsste etwa 60 Euro wert sein. Durch die Insolvenz wird es jedoch wertlos. Der Anleger verliert 10.000 Euro komplett.

Ein Anleger, der stattdessen einen DAX-ETF gekauft hätte, hätte zwar auch Verluste erlitten, aber nur entsprechend dem DAX-Rückgang. Sein Investment wäre bei etwa 7.500 Euro gewesen. Nach der Erholung in den Folgejahren hätte er Gewinne realisiert.

Der Zertifikateinhaber hat hingegen den Totalverlust erlitten. Selbst als der DAX später auf neue Höchststände stieg, blieb sein Kapital verloren. Das Emittentenrisiko hat sich materialisiert.

 

Regulierung und Transparenz

Die Regulierung von Zertifikaten ist weniger streng als bei Investmentfonds. Produktinformationsblätter sollen Transparenz schaffen, bleiben aber oft zu technisch für Laien.

Emittenten müssen bestimmte Offenlegungspflichten erfüllen. In der Praxis sind die Dokumente jedoch umfangreich und juristisch formuliert. Die eigentlichen Kostenstrukturen bleiben verschleiert.

Verbraucherschützer kritisieren Zertifikate seit Jahren. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht warnt insbesondere vor komplexen Hebelprodukten. Dennoch werden jährlich Milliarden in diese Produkte investiert.

Anleger sollten sich nicht darauf verlassen, dass ein zum Vertrieb zugelassenes Produkt automatisch für sie geeignet ist. Die Zulassung besagt lediglich, dass formale Anforderungen erfüllt sind, nicht dass das Produkt sinnvoll ist.

 

Fazit

Zertifikate sind eine Produktklasse, die primär den Interessen der Emittenten dient. Für Privatanleger bieten sie selten Vorteile gegenüber einfacheren Alternativen. Die Kombination aus Emittentenrisiko, intransparenten Kosten und Komplexität macht sie problematisch.

ETFs, Direktinvestments oder im Einzelfall Optionen bieten nahezu immer bessere Lösungen ohne die strukturellen Nachteile von Zertifikaten. Wer dennoch Zertifikate nutzen möchte, sollte dies nur mit kleinen Teilen des Vermögens tun und die Konstruktion vollständig verstehen.

Die goldene Regel lautet: Was man nicht versteht, kauft man nicht. Bei Zertifikaten ist die Wahrscheinlichkeit, die Konstruktion und Kostenstruktur wirklich zu durchschauen, für Privatanleger gering. Im Zweifel ist Verzicht die klügere Entscheidung. Ein diversifiziertes Portfolio aus einfachen, transparenten Produkten dient dem langfristigen Vermögensaufbau besser als komplexe Finanzinstrumente mit versteckten Risiken.